Roman Sappho in der Neuen WeltSeite 2/2
Sie war eine der ganz großen lyrischen Stimmen Amerikas
Der vorliegende, von Gerhard Schuster bewundernswert und mit unerschöpflicher Kenntnis edierte Band könnte einen kleinen Schritt zur Revision dieses Urteils der Geschichte darstellen: nicht einfach ein Gedichtband mehr, sondern eine Sammlung von Gedichten und Übersetzungen, von Briefen, Dokumenten, von Borchardts großem Essay und von Kommentaren des Herausgebers, der jeder noch so kleinen Spur nachgegangen ist. Und erkennbar wird, was große Poesie eigentlich ist: nicht einzelne, isolierte Meisterwerke einzelner Genies, sondern ein Kraftfeld, eine Welt von Einflüssen, Wirkungen, Ausstrahlungen, in denen jedes Aufgenommene sich wieder produktiv wenden muss. Demgegenüber ist die Frage zweitrangig, ob der heutige Leser diese Wertung von Edna St. Vincent Millays Werk zu teilen vermag – dass sie eine der großen lyrischen Stimmen Amerikas bleibt, ist nicht anzuzweifeln.
Borchardt ist nach dieser Begegnung nicht mehr der Gleiche. Großartig zu verfolgen ist, wie sein eigenes Dichten sich verwandeln lässt durch diese Erfahrung, wie er selbst zu experimentieren beginnt mit freien Formen, freien Rhythmen, einem leichteren Parlando zuweilen. »Und wer bist Du, dass grad um Dich / Ich keinen Schlummer find…«, ohne die Anregung durch solche Verse wären einige der stärksten Liebesgedichte aus Borchardts später Zeit undenkbar. »Es ist nicht genug, dass jährlich, hier bergab / Frühling / Kommt wie ein Halbnarr, faselnd und Blumen streuend«, ohne den sarkastischen Klang dieser freien und doch im Inneren so strengen, auf andere Weise strengen Verse hätte Borchardt niemals eine Form finden können für seine härtesten Hass- und Fluchgedichte auf die neuen deutschen Herrscher: »Was hier sich anhebt, lohnt nicht mehr.« Rudolf Borchardt, einer der größten deutschen Dichter des Jahrhunderts, hat auch mit den Gedichten der Edna St. Vincent Millay in den Jahren des Unheils weitergelebt.
Die Entdeckung Amerikas – Rudolf Borchardt und Edna St. Vincent MillayRomanBelletristikGedichte, Übertragungen, Essays; herausgegeben von Gerhard SchusterBuchLyrik Kabinett2004München28306- Datum 17.03.2005 - 13:00 Uhr
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- Quelle (c) DIE ZEIT 17.03.2005 Nr.12
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