Roman Der Lustvermesser
T. C. Boyles gelungene Romanstudie über den Sexualforscher Alfred C. Kinsey
Diese Moderne hat eine bestimmte Sorte von Heiligen hervorgebracht: den manischen Schöpfer. Einer, der angeblich ganz bei sich ist, wenn er in seinen Projekten verschwindet. Eine Obsessionsfigur wie Alfred C. Kinsey (1894 bis 1956). Die Leidenschaft dieses Zoologen galt der sexuellen Aufklärung. Seine beiden Bücher über Das sexuelle Verhalten des Mannes (1948) und Das sexuelle Verhalten der Frau (1953) haben zweifelsohne die Welt beeinflusst wie nur wenige andere Bücher. Und mit Kinseys Arbeit beschäftigt sich auch der jüngste Roman des amerikanischen Schriftstellers T. C. Boyle. Der einzige nennenswerte Makel dieses Buches prangt auf dem Buchumschlag – der deutsche Titel: Dr. Sex. Hemdsärmeligeres hätte dem Verlag kaum einfallen können. Der Titel des Originals lautet: The Inner Circle – »Der engste Kreis«, und das trifft die Sache sehr viel besser.
Kinsey lernen wir kennen aus den Aufzeichnungen seines – fiktiven – Assistenten John Milk. Und es geht auch nicht darum, jetzt noch mal in Romanform die Biografie eines Mannes nachzuerzählen, dessen Leben und Werk bereits von zahlreichen, auch gründlichen Studien beschrieben wurden. Es geht eher um die Entstehung eines relativ jungen Wissens von der Sexualität. Und darum, wie wenig dieses Wissen weiß.
John Milk begegnet Kinsey an der Universität von Bloomington, als der Zoologe eine seiner skandalumwitterten Vorlesungen unter dem eher frommen Titel Ehe und Familie hielt. Doch die Präsentation von Dias, auf denen allen Ernstes eine Vulva oder ein Phallus, wenn auch im klinischen Dekor, zu sehen war, sprengten den Rahmen des bis dahin Vorstellbaren. Das geschah 1939. Und Boyle bringt uns in eine Zeit zurück, in der der voreheliche Geschlechtsverkehr nicht nur skandalös war, sondern auch strafbar. Die Erinnerung daran ist nicht nur komisch, sondern auch verblüffend.
Milk lernt Kinsey persönlich kennen, wird sein erster Mitarbeiter und somit Gründungsfigur des inner circle. Dessen staunenswerte Leistung bestand darin, das Wissen von der Sexualität auf eine möglichst breite empirische Basis zu stellen. Dafür wurden – am Ende – etwa 20000 Personen über ihre sexuellen Gewohnheiten, Erfahrungen, Nöte, Sehnsüchte, über die physische wie psychische Konstitution und die sozialen Bedingungen befragt. Milk kannte gerade die Wonnen heimlicher Masturbation und betritt ansonsten die Anfangsgründe der zoologischen Sexualwissenschaft jungfräulich. Rasch wird er zu Kinseys Lustknaben und von dessen Gattin auf eigenen Wunsch heterosexuell initiiert. Sexuelle Erfahrungen aller Art folgen. T. C. Boyle lässt uns sehr genau spüren, was es bedeutet haben muss, völlig unvorbereitet der fröhlichen Utopie der Lust zu begegnen.
Milk ist der ideale Jünger eines großen Projekts: hoch intelligent, ebenso anpassungsfähig und über und über im Banne der Lichtgestalt Alfred C. Kinsey. Tatsächlich ein Mann mit außergewöhnlichen Begabungen: als Zoologe eine Koryphäe (Spezialgebiet: Gallwespen), Pianist von Rang, begnadeter Gartenbaukünstler, unheimlicher Menschenfänger und umstrahlt von der Aura einer zivilisatorischen Mission: der sexuellen Aufklärung. Er hatte ein riesiges Brachland des Wissens entdeckt, das zugleich als das brisanteste Minenfeld der bürgerlichen Moderne geschützt war: die Sexualität. Von Anfang an hatte Kinsey verstanden, dass selbst die bloße Beobachtung dieses Feldes nur im strengen Rahmen einer Denkform möglich sein könnte, die sozusagen die Enthaltsamkeit und die Sterilität zum Programm gemacht hatte: die Wissenschaft.
Die Sexualwissenschaft immunisiert sich gegen ihr Thema
Und so wird die Sexualität bei Kinsey zur Zoologie: »Irgendeine Art der Erregung der weiblichen Genitalien außer der durch den Penis ist unter den Säugetieren fast allgemein zu finden, wobei infolge des Fehlens von zum Greifen geneigten Händen diese Aufgabe im wesentlichen der Nase und dem Maul des männlichen Tieres zufällt.« Kurz, das erwachende Wissen von der Sexualität immunisiert sich gegen seinen Gegenstand, versucht, die Infektionsgewalt der Lust mit der Sprache des Wissens zu kontrollieren. Glücklicherweise darf ein Roman da durchlässiger sein. Und T. C. Boyle gelingt es, einen ganzen großartigen Roman lang, einen kostbaren Erregungspegel zu halten und uns gleichzeitig zu erstaunten Zeugen dieser Erregung zu machen. Angesichts einer Literaturkritik, die Romane gerne als Abhandlungen liest, ist es vielleicht nicht ganz unwichtig, daran zu erinnern, dass die Literatur vor allem eine sinnliche Kommunikation darstellt. Und auf der Klaviatur der Sinne gelingen Boyle Botschaften von erstaunlicher Komplexität.
- Datum 16.07.2008 - 13:35 Uhr
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- Quelle (c) DIE ZEIT 17.03.2005 Nr.12
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