Roman Der LustvermesserSeite 2/2

Der inner circle hatte es nicht leicht. Zehntausende von Kilometern mit dem Auto, Übernachtungen in billigen Hotels – immer auf der Suche nach Kandidaten für die Intimbefragung: Hausfrauen, Studenten, Kellner, Lehrer, Beamte, Huren, Gefängnisinsassen, Professoren und Balletteusen. Viel statistisches Mittelmaß und hin und wieder ein Prachtexemplar im wirren Garten der Triebe – wie zum Beispiel der kleine fette 63-Jährige, der alles anbohrt, was ihm begegnet, und es schafft, in zehn Sekunden vom schrumpeligen Ruhezustand zur Ejakulation durchzustarten. Der inner circle filmte Hunderte Männer beim Masturbieren, versteckte sich im Schrank von Prostituierten, untersuchte Vaginalsekrete in actu und befasste sich mit so schwierigen Fragen, ob die tröpfelnde Ejakulation einen statistischen Zusammenhang mit der Stellung oder eher mit der Religion aufweist.

Alles nur Reibung, Stoffwechsel und Triebprozess

Alles nur Reibung, Stoffwechsel und Triebprozess, predigt Kinsey seinen Mannen und lädt sie zur regelmäßigen Ertüchtigung ihrer Schamlosigkeit ein. Und bald weiß man nicht mehr, ob Kinseys eigene Dauererregung sexueller Art ist, vom Wissensdurst getrieben oder vom Apostolat zivilisatorischer Erneuerung stammt. Es wäre wahrscheinlich ziemlich leicht, Alfred Kinsey als skurrile Koryphäe darzustellen, als manischen Briefmarkensammler des Unterleibs, dessen Sammelwut gegen Ende seines Lebens immer obsessivere Züge annimmt, um nicht zu sagen: sich ins Manische versteigt. Doch wir lesen den überaus respektvollen Erfahrungsbericht seines Assistenten, der dem Meister bis zum Tod treu ergeben bleibt, auch wenn er gegen Ende versucht, sich dem fast totalitären Bann dieses Mannes und seines Projekts zu entziehen. T. C. Boyles Roman führt uns keine historische Persönlichkeit zur Moral- oder Sympathiebeurteilung vor. Er zeigt einen Mann, der auf hohem Niveau seine Lebensschlacht verliert.

Zweifelsohne verdanken wir Kinsey bemerkenswerte Beobachtungen zur Sexualität. Aber die Sexualität hat sich diesem Wissen nicht gefügt, im Gegenteil: Unter den Mikroskopen und taxonomischen Attacken von Kinseys inner circle erkennen wir hinter der trivialen Mechanik die Unergründlichkeit der Lust. Und so kann man sagen, dass die Karriere der Sexualität als eine der großen mythischen Obsessionen des 20. Jahrhunderts Kinsey viel verdankt. So ist es bis heute: Mitten im Lichte unseres sexuellen Wissens vollziehen wir die Sexualität als eine Art prämoderne Erlösungszeremonie.

In seiner Autobiografie fragt sich John Updike, ob die nachfolgenden Generationen dereinst noch verstehen könnten, was er und seine Zeit mit der Sexualität verbunden hätten. Das Problem ist nur, dass Updike – wie wir alle – es nicht verstanden hat. Und der so kluge wie coole Erzähler T. C. Boyle löst mit seinem Buch nicht das Geheimnis, sondern er zeigt es.

Dr. SexRomanBelletristikaus dem Englischen von Dirk van GunsterenT. C. BoyleBuchHanser Verlag2005München24,90471
 
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  • Quelle (c) DIE ZEIT 17.03.2005 Nr.12
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  • Schlagworte Roman | John Updike | Sexualität | Literatur
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