Nein. Das ist nicht der Adolf Endler, dessen Arbeit unsereins seit Jahren mit Sympathie verfolgt, sehr oft mit applaudierendem literarischen Interesse. Was hier vorliegt, ist gar kein Buch, sondern ein Sammelsurium von winzigen, fast immer belanglosen Beobachtungen in flüchtigster Tagebuchform (gelegentlich ganze Passagen wörtlich wiederholend), Buchrezensionen, mäßig oder gar nicht gelungenen Gedichten und unzusammenhängenden Namenserwähnungen à la »in der gelegentlich auch von Christa Wolf erwähnten Hajo-Bar« oder »weitere Anwesende« – und dann werden zehn DDR-Autoren aufgezählt. Keiner bekommt ein Gesicht.

Selbst wenn Sarah Kirsch eineinhalb Seiten gegönnt werden: Wir erfahren absolut nichts über die Dichterin, über ihr Werk, über ihre Lebensproblematik. Das alles ist so lieblos – und stillos – aneinander gepappt, dass der Unterschied zwischen »der selbe und der gleiche (Mann)« nicht beachtet wird, dass eine Art Ausrufezeichengrammatik – »O dieses Gesicht; O diese Totenbretter« – Schilderung und Prosazeichnung verdrängt; im Abstand weniger Zeilen verunzieren die fatalen »Wie«-Vergleiche viermal hintereinander die Sätze. Ich empfehle die Lektüre des Puristen Gottfried Benn, der eine höchst vergnügliche wie rasante Philippika gegen diesen »Wie«-Schlamm spie. Entweder knarzen und grinden die Sätze: »Die Illustration zu den Mangelerscheinungen auf dem Textilmarkt in den ersten Jahren des Nachkriegs«, oder Endler schmettert den Schwebebalken Sprache gleich selber in die Rumpelecke: »…wenn ich es ’mal so einfach ausdrücken darf.« Das führt zu der höchst fragwürdigen Stilfigur, eigene Formulierungen durch ein angefügtes Fragezeichen als unsicheren Fund zu deklarieren: »…tagsüber das kärgliche (?) Buchangebot des Lädchens…« War es nun kärglich oder nicht? Sind Sarah Kirschs Augen nun dunkelbraun oder schwarz – Adolf Endler stellt das zur Wahl. Und weil er seine Sprache so zuchtlos daherrinnen lässt, spürt er nicht, dass »dreimal bin ich Huchel leibhaftig begegnet« durch die Wahl des zu gewichtigen Wortes den Satz steinern macht (wobei die geschilderte Begegnung von banalster Überflüssigkeit ist).

»Abgabe von Schmutzwäsche nur auf Vorbestellung möchlich«

Da wird, fast Seite für Seite, irgendetwas hingeschrieben, aber so gut wie nie entsteht ein Porträt, eine Szene: »…eine weibliche Stimme von Sapphoscher Zauberkraft…« – was mag das sein? Gerade beginnt man sich zu freuen, weil eine Überlegung zu Max Ernst angekündigt wird – und dann wird der Leser mit einer geradezu vollendeten Platitüde abgefertigt; ein Abschnitt zu Goethe – und wir erfahren: »Tatsächlich ist Heine mein Heros«, und dass Die Wahlverwandtschaften beim Kollegen Tragelehn auf dem Klo domizilieren; ein kleines Blinzellicht »Geselligkeit« (was ja, es handelt sich um die DDR, eine ganz wunderbare soziologische Gemme sein könnte, ein Vasenbild aus dem Ulbricht-Steinzeitalter) – die eine Seite, die der Autor sich und uns gönnt, besteht aber nur aus einem weithin bekannten und oft kolportierten DDR-Witz.

Gewiss, die zahllosen kleinen und manchmal gar nicht so kleinen DDR-Abstrusitäten – »Der Broiler lebt!«; »Abgabe von Schmutzwäsche nur auf Vorbestellung möchlich« – kommen gut an, sind stets das Salz in der Suppe. Aber nur Salz und gar keine Suppe? Wir riechen nichts, wir schmecken nichts, wir hören nichts (was wir nicht schon wüssten); und eine Buchseite »Nationalhymne« zu überschreiben, um sie dann gänzlich mit Pünktchen zu füllen: Das ist wohl doch ein recht mickriger Scherz.

Was Adolf Endler, der ja mit seinem Tarzan am Prenzlauer Berg ein beachtliches Stück Prosa vorgelegt hat und über den sehr zu Recht so präzise wägende Autoren wie Karl Mickel oder Wolfgang Hilbig Lobendes zu schreiben wussten – was er nun mit diesen zusammengefegten Krümeln überhaupt will, bleibt sein Geheimnis. Beide Deutschländer – Adolf Endler, Jahrgang 1930, übersiedelte ja 1955 von Düsseldorf in die DDR – bleiben Schemen, und das eigene Leben gleicht einem Karton beliebig zusammengeschüttelter Schnipsel. Endler hat mal gesagt, seine Biografie zu erzählen halte er für unmöglich. Das ist eine große Geste, die man zu respektieren hat – wenngleich Augustinus, Rousseau oder Sartre diesem Diktum nicht folgen mochten.

Interessant aber ist, dass einige Passagen des Buches glänzend gelungen sind – und das sind die, in denen Adolf Endler ansetzt, seine Biografie zu erzählen. Da probiert er durchaus souverän diverse – auch divergierende – Stilmittel aus: Collage, Montage, Zitatenreihung – »ein Zitatensalon« nennt er das wichtigste Stück, knapp 30 Seiten umfassend. Plötzlich wird aus Plauderei Gespräch, entstehen aus dem Namen-Mix Menschen, werden Die frühen Achtziger – wie er die drei Abschnitte zusammenfassend überschreibt – zum Panorama einer Gesellschaft, in deren Mischung aus Verlogenheit und Verlorenheit so manch ein Mensch kaputtging. Christa Wolfs bewundernswerter Lebensbericht Ein Tag im Jahr ist ausgreifendes Beispiel und Zeugnis dafür. Dieses Kapitel in Nebbich ist großartig, ohne Mätzchen und kündet von Not, deren Fixierung man getrost den Aktenführern überlassen kann:

»Aus Stasi-Berichten: 1. ›Laut eigener Ankündigung hat Endler aus seinem ›85bändigen Romanwerk‹ gelesen, das bereits in der BRD bzw. Westberlin erschienen ist.‹ 2. ›Der IM schätzt ein, daß die Art des Vortrags von Endler sehr gut war, weil er sehr akzentuiert sprach und wie ein Schauspieler mit deutlicher kabarettistischer Tendenz las. Während der Veranstaltung nahm er Alkohol zu sich.‹ 3. ›Am Äußeren des Endler ist derzeitig auffallend, daß er am linken Ohr einen pfenniggroßen Ohrring trägt.‹ 4. ›Eine offizielle Auswertung der Information zu Endler ist aus Gründen der Konspiration nicht möglich.‹«