Philippe Claudels Roman Die grauen Seelen, der in Frankreich beachtliche Anerkennung und viele Leser fand, spielt zur Zeit des Ersten Weltkrieges, kaum dreißig Kilometer hinter der französischen Front. Hier herrscht eine trügerische Stille, eine Atmosphäre der Reglosigkeit und der heruntergedimmten Dramatik, die Claudel in Bildern von verführerischer Schönheit einfängt. Dennoch bezieht der Roman seine Spannung aus der Allgegenwart des Krieges, vor dem sich die Bewohner einer kleinen Stadt bei Verdun in ihrem Alltag verschanzen, aus der genauen Beobachtung einer Erschütterung, die an den äußersten Rändern der Bombenkrater auch das zivile Leben zerreißt. So liegt die schwangere Frau des namenlosen Ich-Erzählers blutend im Bett und ringt mit dem Tod, während nicht weit davon der Krieg seinen obzönen Karneval veranstaltet. Unmoral und lähmender Hass durchschlagen die mühsam aufrechterhaltene Fassade bürgerlicher Ordnung. Es ist der Mord an der kleinen Belle de jour, der Tochter des Gastwirts, um den der Roman des 1962 in Dombasle-sur-Meurthe geborenen Claudel vor allem kreist: Am Ende bleibt er so rätselhaft wie das sinnlose Sterben an der Front, so unergründlich und faszinierend wie die grauen Seelen der Menschen, die in der namenlosen Stadt schuldlos schuldig geworden sind.