Von Ulrich Greiner

"Kirillow" ist ein merkwürdiger Titel. Wie kamen Sie dazu?

Der Selbstmörder Kirillow ist eine Figur in Dostojewskijs Dämonen. Von ihm stammt der Satz: "Lasst mich eine Fratze malen, eine Fratze mit aufgerissenem Mund!" Damit endete mein Roman Klausen. Auch einige szenische Anordnungen in Klausen waren den Dämonen nachgebildet. Am Beginn eines neuen Romans muss ich immer zuerst den Titel haben. Und als ich Klausen beendet hatte, kam mir der Gedanke, einen Roman zu schreiben, der Kirillow heißen sollte. Mehr über diesen Roman wusste ich erst mal nicht.

Ist der Titel für Sie eine Art Hallraum, den Sie dann mit Ihrer Stimme füllen müssen?

Der Titel muss mir eine Frage stellen, er muss etwas offen lassen. Anfangs war mir völlig unklar, ob Kirillow in meinem Roman auftauchen würde oder gar nicht oder ob ein Deutscher seine Züge tragen sollte. In der Tat handelt Kirillow ja kaum von diesem Kirillow. Es gibt lediglich ein in Deutschland aufgetauchtes Manifest Kirillows, das für einige meiner Helden eine große Wahrheitsbedeutung gewinnt, das aber falsch übersetzt, umformuliert, umgedeutet wird, bis vom ursprünglichen Text nichts mehr übrig ist. Man geht damit um, wie man immer mit Wahrheiten umgeht: In der ersten Sekunde erscheint alles klar und prägnant, aber je mehr darüber geredet wird, umso mehr verschwindet die Wahrheit.

Dostojewskijs Kirillow entwirft eine Art Theologie des Selbstmords, er spricht davon, dass Leben und Tod einander gleichwertig und dass letzten Endes alle Menschen gut seien. Julian, eine zentrale Figur Ihres Romans, denkt ganz ähnlich.

Das kann man nur denken, wenn man sich aus den gesellschaftlichen, moralischen Zusammenhängen herausbewegt. Wenn mir das gelingt, dann denke ich ebenfalls: Alles, was ist, ist gut. Ich kann dann die ganze Schöpfung annehmen, bis hin zu dem Gedanken: Auch das Plutonium ist gut, auch die Katastrophe, die wir uns möglicherweise damit anrichten, alles gehört dazu. Letzten Endes ist das ein theologischer Gedanke.