Roman Die kaputten Kinder der 68er

Rainer Merkel hat einen intelligenten Roman über den Generationskonflikt geschrieben

Es war östlich von Hannover, fünf Stunden vor Berlin.« Hat der Erzähler die Himmelsrichtungen verwechselt? Oder lebt er vielleicht im 18. Jahrhundert und fährt Kutsche? Nur Berliner wissen bei dieser atmosphärischen Ouvertüre sofort, was gemeint ist: die andere Zeit, vor dem Mauerfall, als die Anreise sich an der Grenze zur surrealen Strecke durch das Nichts der DDR dehnen konnte.

Geschickt baut Rainer Merkel an der Irritation des Lesers. Wer sind Lukas und Laura, diese beiden etwa Zwanzigjährigen, die mitten in der Nacht unterwegs sind in das Studentenheim am Schlachtensee, wo sie sich vor einem halben Jahr zuerst im langen Gang gesehen haben und er dem »falschen«, »verspäteten« Rhythmus ihrer Bewegungen gefolgt ist. Worauf sie, aus Versehen oder nicht, in sein Zimmer trat.

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Das Licht von Lukas’ Schreibtischlampe fiel damals auf die Traurigen Tropen. »Liest du viel?«, fragt ihn Laura. »Nur so zum Spaß. Ich versuche, eine andere Perspektive einzunehmen. Also aus der Sicht von Primitiven auf mein Leben zu schauen. Ob es funktioniert. Zum Beispiel eine Geschäftsidee. Verstehst du?« Auch Laura, die aus »Westdeutschland« stammt, scheint Wert auf Distinktion zu legen: »Sie sagte: ›Ich gehe nie aus. Das ist doch Zeitverschwendung.‹ Oft gab sie gar keine Antwort, und er dachte, er müsse irgendetwas Besonderes sagen, um sie aus der Reserve zu locken.«

Von Anfang an ist die Stimmung zwischen diesen beiden Hauptfiguren aus Das Gefühl am Morgen, dem zweiten Buch von Rainer Merkel, überreizt, die Tonlage der Gespräche »gestelzt«. Warum? Es sei, heißt es außen auf dem Buch, eine Liebesgeschichte. Das stimmt auch, aber eigentlich ist es nur Nebensache. Als Lukas’ Vater als dritte Hauptfigur auftaucht, wird bald klar: Es geht um Lukas’ Familie, die Lösung von ihr. Das Gefühl am Morgen ist eine Entwicklungserzählung, unter der besonderen Bedingung von 68er-Eltern.

Die gängige Version der Auseinandersetzung wäre, es diese Elterngeneration spüren zu lassen, dass ihr Besserwissertum, ihre Verweigerungs- und Selbstverwirklichungshaltung, die Wurschtigkeit gegenüber ihren Kindern sie oft in die eigenartige Gefühlsmischung frustrierten Erfolgs geführt haben und manchmal parallel dazu sogar in das, was man die Zentren der Macht nennt. Merkels Strategie ist eine andere. Er überlässt die Anklage den Lesern, ihm geht es um die Darstellung von Gefühlsverwirrungen.

Der Vater: Ein verhaltensgestörter, aber brillanter Psychiater

Lukas’ Vater ist ein fernsehbekannter Psychiater, der sich immer gleich ans Fenster stellt und hinaus schaut, wenn Besuch kommt. Als die von ihm begeisterte Laura einmal mit viel Liebe Lachsnudeln kocht, holt er gegen Ende des Essens einen schwarzen Müllsack aus der Küche und sagt: »Was meint ihr, das isst doch keiner mehr, oder?« Kurz gesagt, er ist verhaltensgestört, aber brillant.

Laura gegenüber behauptet Lukas, er »analysiere« diesen Vater, er sei für ihn »wie eine Idee«, aber es ist viel gewöhnlicher und schlimmer: Lukas schwankt zwischen unentschlossener Ablehnung und meist uneingestandener Kopie. All sein Bemühen, besondere Sätze zu machen, sein Gegenüber mit ungewöhnlichen Selbstverständlichkeiten zu verunsichern, hat er von Dr. Feinweinstein übernommen. Weiter kompliziert wird die Geschichte durch eine in Kalifornien hemmungslos Geld verschleudernde Mutter, die einmal Schauspielerin werden wollte, sich weigert, Deutsch zu sprechen, und Lukas brieflich mitteilt, es gehe seinem Vater finanziell nicht gut. Er lebe nur noch vom Mieterlös geerbter Häuser.

Ein guter Satirestoff. Aber Merkel mutet seinen Lesern etwas Anstrengenderes und Interessanteres zu. Meist erzählt er auktorial aus der nervösen, aufreizend empfindsamen Perspektive Lukas’, des Opfers, das Laura und anderen als Folge grundlegender Unsicherheit ebenso abenteuerliche wie unvollständige Geschichten auftischt. Eine Großmutter sei im Gestapo-Gefängnis gesessen, sie sei in einer Widerstandsgruppe gewesen. »Ich denke«, sagt ein Freund irritiert, »deine Familie kommt gar nicht aus Deutschland.« – »Ich kenne die Geschichte von Verwandten. Väterlicherseits, es könnte auch mütterlicherseits gewesen sein.« Merkel erweckt den Eindruck, dass Lukas’ Geschichten genauso wahr wie erfunden sein können. Wurde die Familie verfolgt? Waren es Mitläufer oder gar Täter, die sich in Lukas’ fantastischer Erweiterung seiner Rumpffamilie in ein Phantomgebilde aus mehr oder minder heldenhaften Opfern verwandelt haben?

Merkel klagt nicht an, verurteilt nicht, er macht den Reiz, den der flirrende Vater auf Lukas und seine Altersgenossen ausübt, so verständlich wie die nervöse Langeweile, die diesen Vater zu ergreifen scheint, wenn er seinem Sohn Ratschläge geben soll. Die Logik der Psychosen des Sohns legt allerdings den gut konservativen Schluss nahe, dass Kinder etwas zuverlässigere Autoritätsfiguren brauchen könnten.

Als Laura, vermutlich von Lukas, schwanger wird, wollen die beiden zur Abtreibung nach Amsterdam, doch mitten auf der Strecke faselt der verwirrte Lukas plötzlich davon, dass das vom Vater für die Abtreibung zur Verfügung gestellte viele Geld auch ein »Schutzmantel« für das Kind werden könne. Von der Abtreibung wird nicht mehr geredet, und dem Leser bleibt ein unangenehmes Gefühl. Die Achtundsechziger, das Gegenbild zu ihren Vorgängern, hinterlassen, so ein Fazit dieses sanften Buchs, nur anders kaputte Nachkommen.

In Rainer Merkels Debüt Zeit der Wunder, dem gelungensten Angestelltenroman der letzten Jahre, ging es um eine Figur, die sich in der Welt der New Economy nicht zurechtfindet. Das Gefühl am Morgen geht einen Schritt zurück. Es zeigt die Entwicklung der Gefühle des schwachen Helden auf dem Weg in den »Beruf«. »Geld«, sagt Lukas, sei in seiner Familie immer »tabu« gewesen. Was zur Folge hat, dass er ständig daran denkt: Auf seine Zukunftsvorstellungen angesprochen, meint er: »Ich würde gerne etwas verkaufen. Also Verkäufer sein. Ich verkaufe erst die Idee, den Gedanken.« Aber er ahnt schon, dass es anders laufen wird. »Das Geschäftsleben«, sagt er einmal, »ist ein Knäuel menschlicher Beziehungen«, dann: »Das Geschäftsleben ist eine Demütigung, zumindest am Anfang«.

Das Gefühl am MorgenRomanBelletristikRainer MerkelBuchFischer Verlag2005Frankfurt a. M.16,90157
 
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