Roman Die kaputten Kinder der 68erSeite 2/2
Ein guter Satirestoff. Aber Merkel mutet seinen Lesern etwas Anstrengenderes und Interessanteres zu. Meist erzählt er auktorial aus der nervösen, aufreizend empfindsamen Perspektive Lukas’, des Opfers, das Laura und anderen als Folge grundlegender Unsicherheit ebenso abenteuerliche wie unvollständige Geschichten auftischt. Eine Großmutter sei im Gestapo-Gefängnis gesessen, sie sei in einer Widerstandsgruppe gewesen. »Ich denke«, sagt ein Freund irritiert, »deine Familie kommt gar nicht aus Deutschland.« – »Ich kenne die Geschichte von Verwandten. Väterlicherseits, es könnte auch mütterlicherseits gewesen sein.« Merkel erweckt den Eindruck, dass Lukas’ Geschichten genauso wahr wie erfunden sein können. Wurde die Familie verfolgt? Waren es Mitläufer oder gar Täter, die sich in Lukas’ fantastischer Erweiterung seiner Rumpffamilie in ein Phantomgebilde aus mehr oder minder heldenhaften Opfern verwandelt haben?
Merkel klagt nicht an, verurteilt nicht, er macht den Reiz, den der flirrende Vater auf Lukas und seine Altersgenossen ausübt, so verständlich wie die nervöse Langeweile, die diesen Vater zu ergreifen scheint, wenn er seinem Sohn Ratschläge geben soll. Die Logik der Psychosen des Sohns legt allerdings den gut konservativen Schluss nahe, dass Kinder etwas zuverlässigere Autoritätsfiguren brauchen könnten.
Als Laura, vermutlich von Lukas, schwanger wird, wollen die beiden zur Abtreibung nach Amsterdam, doch mitten auf der Strecke faselt der verwirrte Lukas plötzlich davon, dass das vom Vater für die Abtreibung zur Verfügung gestellte viele Geld auch ein »Schutzmantel« für das Kind werden könne. Von der Abtreibung wird nicht mehr geredet, und dem Leser bleibt ein unangenehmes Gefühl. Die Achtundsechziger, das Gegenbild zu ihren Vorgängern, hinterlassen, so ein Fazit dieses sanften Buchs, nur anders kaputte Nachkommen.
In Rainer Merkels Debüt Zeit der Wunder, dem gelungensten Angestelltenroman der letzten Jahre, ging es um eine Figur, die sich in der Welt der New Economy nicht zurechtfindet. Das Gefühl am Morgen geht einen Schritt zurück. Es zeigt die Entwicklung der Gefühle des schwachen Helden auf dem Weg in den »Beruf«. »Geld«, sagt Lukas, sei in seiner Familie immer »tabu« gewesen. Was zur Folge hat, dass er ständig daran denkt: Auf seine Zukunftsvorstellungen angesprochen, meint er: »Ich würde gerne etwas verkaufen. Also Verkäufer sein. Ich verkaufe erst die Idee, den Gedanken.« Aber er ahnt schon, dass es anders laufen wird. »Das Geschäftsleben«, sagt er einmal, »ist ein Knäuel menschlicher Beziehungen«, dann: »Das Geschäftsleben ist eine Demütigung, zumindest am Anfang«.
Das Gefühl am MorgenRomanBelletristikRainer MerkelBuchFischer Verlag2005Frankfurt a. M.16,90157- Datum 17.03.2005 - 13:00 Uhr
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- Quelle (c) DIE ZEIT 17.03.2005 Nr.12
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