Roman Tod durch Erschießen
Jochen Missfeldt rekonstruiert ein spätes Verbrechen des Zweiten Weltkriegs
Wie tief ist hier die Ostsee? Dreiundzwanzig, weiter draußen achtundzwanzig Meter. Das Meer lebt. Das Meer hat einen guten Blutdruck von den vielen Schiffen und Toten, die auf seinem Grund liegen.« Der Blick schweift über die Geltinger Bucht und die Flensburger Förde. An dieses Ufer kehrt Gustav, der Erzähler in Jochen Missfeldts Roman immer wieder zurück. Dort stand er schon am 3. Mai 1945, um dabei zuzusehen, wie mehr und mehr Kriegsschiffe einliefen. Inmitten von Schaulustigen stand er da und staunte über die vielen U- und Schnellboote. Aber er begriff nichts von dem denkwürdigen Schauspiel. Schließlich war er gerade mal vier. Wie soll man in diesem Alter wissen, was eine Kapitulation bedeutet?
In der ersten Woche des Mai 1945 verebbten die Kämpfe, doch die Disziplin der Marine sollte mit allen Mitteln aufrechterhalten werden. Die kuriose »geschäftsführende Reichsregierung« des Großadmirals Dönitz mit ihrem Sitz in Flensburg-Mürwik bemühte sich, den Krieg möglichst kontrolliert zu beenden. Zu ihren Hauptzielen gehörte die Verhinderung von Meutereien und Aufständen. Vor diesem Hintergrund stellten die deutschen Generäle Hitlers Vorliebe für die Todesstrafe auch nach seinem Selbstmord nicht infrage. Eine Tatsache, die manchem Soldaten sogar noch am 10. Mai zum Verhängnis wurde.
Missfeldt wagt sich in eine geschichtspolitische Zone, die von der Rechten und der Linken gleichermaßen tabuisiert wird. Einerseits nimmt er die Verbrechen der Wehrmacht ins Visier und fragt nach der Zahl der Todesurteile, die sie im Zweiten Weltkrieg vollstreckt hat: »Neuntausend? Elftausend? Sechzehntausend? Wie viele gehen auf das Konto der Kriegsmarine? Die Forschung tappt im Dunkeln.« Andererseits wurden die Opfer, an die er erinnert, weder diskriminiert, noch haben sie Widerstand geleistet. Sie sind unauffällige Mittäter, Abenteurer, die sich, so absurd es für uns heute klingt, bis weit in die fünfziger Jahre hinein verpflichtet haben, der Kriegsmarine zu dienen.
Zwei junge Soldaten rennen im Mai 1945 in ihr Verderben
Steilküste erzählt die Geschichte von zwei jungen Soldaten, die im Mai 1945 ihre Truppe verlassen, auf der dänischen Insel Fünen zu Fuß den Weg nach Hause antreten und damit buchstäblich in ihr Verderben rennen. Die weltpolitische Lage erkennen sie richtig, doch vom Durchhaltewahn ihrer Vorgesetzten machen sie sich keine Vorstellung. Wie sollten sie auch ahnen, was man heute noch für unmöglich hält? Nach ihrer Festnahme werden die beiden Ausreißer in die Geltinger Bucht gebracht, wo das Marinekriegsgericht ohne Zögern folgenden Beschluss fasst: »Matrose Fritz Ehrmann und Matrose Alfred Cherobino werden wegen gemeinschaftlich begangener Fahnenflucht zum Tode verurteilt.« Dieser Rechtsspruch wäre an sich schon ungeheuerlich. Noch ungeheuerliche allerdings ist, dass er nach Beendigung aller Kampfhandlungen vollstreckt wird – »durch Erschießen«, wie es im Protokoll lapidar heißt.
Missfeldt greift auf historisches Material zurück. Er beschränkt sich auf das, was so oder ähnlich passiert sein muss, aber er hat keinen reinen Dokumentationsroman geschrieben. Seine Sätze sind schlicht und konzentriert, und doch gelingt es ihm, den Tonfall wieder und wieder zu variieren, indem er Zitate aus Tagebüchern, Briefen und Archivalien kunstvoll montiert. Hinzu kommt ein dichtes Gewebe von Leitmotiven, die jedes der kurzen Kapitel mit poetischer Energie aufladen. Hier schreibt ein Autor, der genau weiß, dass stilistische Virtuositätsbeweise die allmähliche Entfaltung seines erschütternden Stoffes nur stören könnten.
Bei alldem hat Missfeldt sicher auch seine Vergangenheit geholfen, die für einen 1941 geborenen Schriftsteller mehr als ungewöhnlich ist. Bevor er sich der Literatur zuwandte, saß er jahrelang hinter dem Steuer von Kampfflugzeugen. Die Welt des Militärs ist ihm also nicht von vornherein suspekt. Nur so konnte es ihm gelingen, eines der letzten Verbrechen des Zweiten Weltkriegs ohne die erwartbaren Klischees und Vorverurteilungen nachzuzeichnen. Steilküste gehört zu jenen Experimenten, die nach 1968 selten geworden sind: Wie sein Erzähler Gustav möchte Missfeldt die Generation der zwischen 1900 und 1920 geborenen Deutschen verstehen, anstatt sie pauschal anzuklagen. Es geht darum, zu begreifen, wie man zugleich an die Liebe und die Todesstrafe, an Gott und den »Führer« glauben konnte – wie es Tausenden gelang, Hölderlin, Schiller und Goethe im Denken mit den Phrasen der nationalsozialistischen Propaganda zu amalgamieren.
Dadurch hebt sich Steilküste hervor aus der Fülle der Gedenk- und Erinnerungsübungen zum 60. Jahrestag der Befreiung vom Hitler-Faschismus.
- Datum 17.03.2005 - 13:00 Uhr
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- Quelle (c) DIE ZEIT 17.03.2005 Nr.12
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