Ein Lebens-Roman. Ein Künstler-Roman. Ein West-Fernost-Roman. Ein Frage-und-Antwort- und Alles-oder-nichts-Roman. Ein Mann-und-Frau-Roman. Vielleicht sogar ein Liebesroman. Auf jeden Fall: ein wunderliches Buch.

Und so fängt es an: Andreas Leuchter, etwa dreißig Jahre alt und hoch begabter Cellist, bekommt eines Tages unerwartete Post. Ein Schulkamerad aus der Internatszeit, zu dem er ein kompliziertes Verhältnis hatte, schickt ihm nach langen Jahren, in denen man sich nicht mehr sah, einen Brief und beigelegt eine eigene Komposition: eine Suite für Cello solo. Ein schwer durchschaubares Stück, eigentlich eine Zumutung. Der Auftrag lautet, diese Suite einzuüben und dann bei einem Konzert in Paris aufzuführen. Der Komponist selbst wird nicht dabei sein: Er hat Aids, und das im finalen Stadium.

Leuchter begreift, dass er gefordert ist, auf sehr grundsätzliche Weise, er wehrt sich nicht lange und nimmt an. Für eine ganze Weile scheint das aber auch das Einzige zu sein, was er begriffen hat, und das Leben, bei dem man ihn von nun an begleitet, nimmt einen ziemlich schlingernden Verlauf.

Vera, Catherine, Angela, Jacqueline, Ayu und die wahre und einzige Sumi – es sind sehr unterschiedliche Frauen, mit denen er sich da in seinem Stationendrama einlässt. Meist sind sie geradezu spontan bereit, ihm in der Liebe zur Hand zu gehen. Selten, dass er einer begegnet, bei der man sich nicht darauf verlassen kann, dass sie binnen kurzem mit dem so genannten Beischlaf befasst sind. Der gerät freilich, ungeachtet aller Exaltationen, immer auch etwas angestrengt. Denn dieses Buch nimmt die Aufgabe seriöser Romane, nichts Überflüssiges zu erzählen, bitter ernst. Was auch immer berichtet wird, es dient der Erkenntnispflicht. Auch im Bett.

Jeder harmlos beginnende Dialog geht sofort ins Wesentliche

Und so verfährt der ganze Roman: Wie in ständiger Rückblende wird sehr gerafft, ja geradezu ungeduldig erzählt. Wenn, selten genug, etwas geschildert wird, was es zu sehen gibt, durchs Zugfenster zum Beispiel, dann kann man sicher sein, dass keine der Figuren das gesehen hat. Jeder noch so harmlos beginnende Dialog geht umstandslos ins Wesentliche, und man muss kurz über lang damit rechnen, dass einer der beiden so etwas wie »Möchten Sie sterben?« fragt.

So kommt vieles mit einer Bedeutung auf den Leser zu, die er nicht immer durchschaut – Andreas Leuchter geht es nicht anders. Aber immerhin: Wo er nicht durchschaut, da fragt er doch weiter, und so macht es die Eigenart dieses Buches aus, dass man ihm den Respekt vor der Entschlossenheit, den Rätseln des eigenen Lebens auf die Spur zu kommen, auch da nicht versagt, wo einem das Enigmatische nun doch ein wenig auf die Nerven geht.

Das hängt auch mit der Sprache zusammen, die, stets auf Präzision bedacht, den Bogen gelegentlich überspannt: »Opferrauch wolkte aus Bündeln glimmender Stäbchen und brach die frische Luft mit einer warmen Fremde.« Heiliger Bimbam!