RomanDie großen Fragen

Yasmina Rezas Roman »Adam Haberberg« bringt die formvollendete Tristesse in die europäische Literatur zurück

Diesen noblen Ton der höheren Pariser Traurigkeit haben wir lange nicht gehört. Er schien unter dem Berg pseudotiefsinniger französischer Unterhaltungsliteratur, die in den letzten Jahrzehnten bevorzugt in Deutschland übersetzt wird, begraben zu sein. Doch schlagen wir den zweiten Roman der Pariser Autorin Yasmina Reza auf – riechen wir ihn endlich wieder, den herrlich vertrauten Duft einer kultivierten westeuropäischen Tristesse.

Das ist angenehm. Zumal es um uns geht. Um den ganz normalen, durchschnittlichen Mittvierziger Mittelstand, die glücklichste und sorgloseste Generation aller Zeiten, deren bedeutendste Alltagssorgen in der korrekten Handhabung der Küchengeräte und der kompetenten Nutzung der Fernsehkanäle bestehen. Adam Haberberg ist 47 Jahre alt, Unterhaltungsschriftsteller, wohnhaft in Paris, unglücklich verheiratet, berufstätige Frau, zwei Kinder. Ein Mann am Übergang vom koketten Desillusionismus der Jugend zum echten Desillusionismus des Alters.

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Haberberg ist der bewährte Antiheld des philosophierenden französischen Kurzromans (Ionesco, Bove, Pinget, Toussaint), ein intelligenter Untergeher, der nur deswegen noch immer oben schwimmt, weil er sich für etwas Besseres hält, als er ist.

Mit der Pflicht zum Glück (Camus: »Deine erste Pflicht ist, dich selbst glücklich zu machen«) hat dieser Mittelstands-Melancholiker längst abgeschlossen: »Ein auswegloses Schicksal ist leichter zu ertragen als die Pflicht zum Glück.« Weshalb er auch die Reste der Kinder-Milchschnitten vor dem Fernseher genauso wie die dazugehörigen dauerfernsehenden Kids geneigt ist für »den erschütternden Grundstoff des Daseins« zu halten. Hauptsache, alle Anzeigen flimmern. Handeln oder Verweigern zum Zweck der Lebensverbesserung – das war eine abstoßende, irgendwie bemitleidenswerte Kinderei der hysterisierten Generationen vor uns.

Dieser inzwischen bis in die letzte Tränensackfalte durchbeschriebene Prototyp sitzt eines Nachmittags im Jardin des Plantes (in demselben, in dem ein großartiger Roman von Claude Simon spielt). Er beobachtet die Straußenvögel, denkt an seine Thrombose, seine misslungenen Romane und an den Tod. Eine schöne ironische, elegische Eröffnung. Der plötzliche Auftritt einer ehemaligen Schulkameradin, einer glanzlosen, geschiedenen Spätvierzigerin, die ihr Leben durch den Vertrieb von Kugelschreibern und Lesezeichen fristet, verlängert diese ins Komische spielende Aussichtslosigkeit bis in die frühe Jugend. Mit solchen Leuten war sein Leben schon immer voll gerümpelt. Und weil ihn zu Hause nichts als der Kampf mit den Kindern um die Fernbedienung erwartet, lässt er sich von der abgehalfterten Kugelschreiberverkäuferin in die Banlieue zum Abendessen entführen. Der schwarze Jeep scharrt auf dem Parkplatz mit den Hufen. Schon sind der dumme Kultur-Seppl und die hässliche Gemischtwaren-Gretel mit Vierrandantrieb auf dem Weg in die Kleinbürgerhölle. Das ist der Stoff, aus dem die großen europäischen Tragödien inzwischen sind.

Yasmina Rezas großer Bühnenerfolg mit den Stücken Kunst und Drei Mal Leben verdankt sich unter anderem diesem Kunstgriff: die Tragödie ins Mittelständische übersetzt, die großen Fragen in Wohnzimmerfragen umformuliert zu haben. Willkommenes Nebenprodukt dieser Übertragungsarbeit ist der trockene Witz, der nur selten ins Poussierliche verrutscht.

In der Vorstadtwohnung der Kugelschreiberverkäuferin, in der man in diesem Roman schon bald zum allseitigen Kummer gelandet ist, wird neben einem schmackhaften französischen Omelett eine exquisite Mischung aus Lebenstragik, Küchenphilosophie, Komik und Klamauk aufgetischt. Immer wieder unterbrochen von kleinen Eruptionen aufrichtiger Verzweiflung: »Ich bin siebenundvierzig Jahre alt, noch ein paar Jahre, und all das wird sich in Luft aufgelöst haben, ich habe keine Zeit, in Viry-Châtillon ein Omelette zu essen.« Das kann man verstehen. Aber was wäre die Alternative? Die niederschmetternde Auskunft heißt, dass es wahrscheinlich für uns alle keine Alternative mehr dazu gibt, in Viry-Châtillon Omelett zu essen.

Selbstverständlich – wir befinden uns schließlich in einer Mittelstandskomödie – stellt sich der Held in wunderbaren Monologen so manch Daseinserfüllendes vor: einen Fahrradausflug mit der Familie, »im Fahrtwind pfeifen, mit Frau und Kindern«. Oder auch – wir befinden uns schließlich in einer Künstlernovelle: »das Dasein in Literatur verwandeln«, den Linoleumboden, das Salzgebäck auf dem Couchtisch, »das traurige Licht, Viry und die Jahre in Literatur verwandeln«! Doch das wünscht sich heutzutage jeder Zweite. Und jeder Dritte ahnt wie Rezas Vorstadtneurotiker, dass das nicht gut gehen kann.

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