ErzählungGeschenktes Glück

Marcelle Sauvageots subtile Meditation an der Schwelle des Todes von Joseph Hanimann

Liebesleid und tragische Erfahrung fanden in der neueren Literatur selten zusammen. Liebe tendiert dort zur Leidenschaft, und Leidenschaft macht blind. Der tragische Weg ins Unglück muss aber sehenden Auges gegangen werden. Da sitzt eine junge Frau im Zug von Paris ins Lungensanatorium. Sie weiß noch nicht alles, ahnt aber schon viel. Im gleichmäßigen Hämmern der Zugräder kehrt im Kopf ein am Vorabend ausgesprochener Satz wieder. Über das gequälte Gesicht des Mannes, der in jenem Satz von irgendeinem "Liebesbeweis" sprach, legt sich in der Vorstellung ein anderer, zärtlicher Gesichtsausdruck desselben Mannes aus früheren Zeiten. Aus diesem Doppelprofil tut sich mit der größer werdenden Distanz des davoneilenden Zugs der Ereignisraum dieses sonderlichen Buchs auf.

Es ist der Monolog-Raum eines nie abgeschickten Briefs zum langen Abschied an den Verlobten. "Ich heirate… Unsere Freundschaft bleibt" – verkündet nach Eintreffen der Frau im Sanatorium kurz und bündig eine Korrespondenz aus Paris. Die Patientin ist mit ihrem Schmerz fortan allein, denn von der angebotenen Freundschaft, "dieser edleren Schwester der Liebe", will sie nichts wissen. Ansichtskarten von den unternommenen Reisen, Pralinen zu Neujahr, vertrauliche Gespräche mit vielen "Danke" und "Verzeihen Sie" dazwischen: "Glauben Sie, dass das nötig ist?" Die scharfe Besinnung aufs gebrochene und dennoch stolz überlebenswillige Selbst dieser Frau führt in der dünnen Bergluft des Sanatoriums auf den Weg eines schon allzu bekannten Schmerzes. Einem noch unbekannten Schmerz hat man die Kraft zu widerstehen, weil man seine Macht nicht kennt: "Doch wenn man Bescheid weiß, möchte man mit erhobenen Händen um Gnade flehen und voll fassungsloser Müdigkeit sagen: ›Nicht noch einmal!‹ Man sieht all die leidvollen Phasen voraus, durch die man wird gehen müssen, und weiß, danach kommt die Leere."

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Weiblicher Absolutheitsanspruch und kalkulierende Männlichkeit

Das Manuskript der 1900 geborenen Autorin Marcelle Sauvageot zirkulierte unter Freunden schon vor ihrem Tod anfangs 1934 im Lungensanatorium von Davos. Noch im selben Jahr sorgte der Pariser Kritiker Charles Du Bos für eine Veröffentlichung unter dem Titel Commentaire. Von Paul Claudel bis Paul Valéry rief das Buch – die einzige Publikation von Marcelle Sauvageot – Anerkennung hervor. Auf Deutsch ist der Text erstmals 1939 unter dem Titel Kommentar erschienen. Die Präzision der Beobachtung, die Feinheit der Wahrnehmung, die Klarheit der Analyse und die nuancierte Exaktheit des Ausdrucks heben das in knappen Episoden skizzierte Liebesleid aufs Niveau einer Meditation, wo weiblicher Absolutheitsanspruch und kalkulierende Männlichkeit über alle zeitbedingten Geschlechterrollen hinaus paradigmatisch miteinander verwachsen.

"Ich hätte Ihnen kein Glück schenken können", lautet das bequeme Argument, mit dem Gegenwart gern wie eine getrocknete Blume ad acta gelegt wird. "Ach! Mann, Du willst immer, daß man Dich bewundert" – wendet die Schreibende ein. Glück ist für sie nicht Rausch, nicht Erfüllung, auch nicht kalkulierbare Ausgewogenheit der Existenz, sondern im Grunde "ein Klagewort". Darum hat die Frau selbst in den überwältigenden Glücksmomenten der sich anbahnenden Liebe jenes "Eckchen Bewußtsein" bewahrt, das zusehend stets draußen blieb und auf dem Weg ins Unglück dem Tragischen dann furchtlos ins Auge sieht. Ist dies eine mehr weibliche oder eine männliche Haltung? Ein Reiz dieses Buchs liegt darin, dass es die Paradigmen mitunter vertauscht. Aus jener abseitigen Ecke heraus jedenfalls kann die Frau, die den Mann auf beängstigende Weise ganz, in seinen Schwächen mehr noch als in seinen Vorzügen, für sich haben will, ihn selbst da lieben, wo sie ihn schon verachtet.

Zu einer Frau sage man: "Der, für den Sie geschaffen sind", und zu einem Mann: "Die, die für Sie geschaffen ist", konstatiert die Schreibende mit gespielter Verwunderung. Sie steht auch zu ihren "frauenrechtlerischen Gedanken", wenn sie etwa ihre Fotos zurückverlangt. Die künftige Gattin ihres Geliebten könnte diese Fotos ja finden, und er müsste dann deren Schmerz auf sich nehmen: "Ich möchte nicht, daß Sie das ›auf sich nehmen‹. Das kränkt mich in einem tiefen Gefühl weiblicher Eigenliebe." So arbeitet sie sich durch die Ablösung bis zum befreienden Akt, in dem sie am Weihnachtstag den ersehnten Brief aus Paris vernichtet. Sie ist in ihrem Kampf endlich allein, in der von den Mitpatienten durchhusteten Nacht, die in der gedämpften Stille des Schnees draußen vor dem Fenster die Sanatoriumswelt umfängt.

Kein episches Kommen und Gehen lenkt ab vom Kampf auf diesem Gegen-Zauberberg. Kein Lungenpfeifen und Blutspucken fügt sich im Ambiente von Salonmusik, literarischen Gesprächen und Winterspaziergängen zum allegorischen Bild existenzieller Atemnot. Nur ein Ball zum Jahresende bringt am Schluss kurze Abwechslung ins geregelte Krankendasein. Leicht berauscht noch vom Tanz, geht die Frau an der Seite ihres unbekannten Tänzers, der am anderen Tag schon alles vergessen haben wird, die Treppe hoch zu ihrer Tür "und nach einem Kuß haben wir uns, ohne ein Wort, getrennt". Dass die deutsche Übersetzung weder mit dem Kuss noch mit dem ungesprochenen Abschiedswort, sondern mit der endgültig klingenden Partizipialform dieses Verbs aufhört, passt zur subtilen Präzisionsarbeit der Übersetzerin quer durch den Text. Eine feinsinnige Nachbetrachtung ohne Empfindungsschnörkel von Ulrike Draesner sowie zwei Begleittexte des ersten Herausgebers Charles Du Bos ergänzen im Anhang das reizvolle Buch zwischen journal intime, Empfindungsstenogramm und literarischem Krankheitsbericht der Liebe.

Fast ganz die DeineErzählungBelletristikAus dem Französischen von Claudia Kalscheuer; mit einem Nachwort von Ulrike DraesnerMarcelle SauvageotBuchNagel & Kimche2005München/Wien12,90107
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