Erzählung Das Geheimnis der Dinge

Man muss ihn einfach mögen: Den italienischen Meister der Ironie und der Leichtigkeit Alberto Savinio

Welch ein Buch. Vielleicht, nein, ganz sicher das schönste, das originellste, das geistreichste dieses Bücherfrühlings! Gleich so mit der Tür ins Haus zu fallen wäre kein guter Stil, auch wenn’s dreimal wahr ist. Aber in diesem Fall dürfen wir nicht kleckern, sondern auch mal klotzen. Denn was Alberto Savinio betrifft, der eigentlich Andrea de Chirico hieß und der jüngere Bruder Giorgio de Chiricos war, sind wir in den letzten Jahren nicht gerade verwöhnt worden. Zwar hat es immer wieder kleine verlegerische Savinio-Offensiven gegeben. Der Suhrkamp-Verlag brachte mehrere Erzählbände und mit und zwei seiner schönsten Romane heraus. Aber leider nicht mit dem gehörigen Enthusiasmus. Gerade so, dass von Vergessenwerden zu Vergessenwerden ein Existenzminimum an Weiterleben dieses originellen Schriftstellers gewährleistet war.

Jetzt, da alle Savinio-Titel gründlich vergriffen sind, hat Enzensberger zugegriffen. Spät kommt Ihr, doch Ihr kommt, um es mit Schiller zu sagen. Wenn die Reihe der Anderen Bibliothek demnächst schließt, dann doch nicht ohne wenigstens ein Werk dieses luxurierenden Geistes inkorporiert zu haben, in einer preiswürdigen Ausstattung, die nichts zu wünschen übrig lässt: die Nuova Enciclopedia, hier übersetzt mit Mein privates Lexikon.

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Wir schreiben das Kriegsjahr 1940/41. Hitler und Mussolini haben sich in einem Teufelspakt, dem inzwischen auch Japan beigetreten ist, gegen die zivilisierte Menschheit verschworen. Alberto Savinio fordert in einem Artikel seine Leser auf, mit ihm einen Gegenpakt freier Geister zu schließen und sich mit ihm auf die »Glückseligkeit« des geistigen Spiels einzulassen, dieser »höchsten und vollkommensten Ablenkung von der Langeweile, vom Ärger, vom Neid, von Traurigkeit, Haß, Zorn, Schmerz und Tod«.

Er ist fast 50. Drei künstlerisch produktive Jahrzehnte mit den Stationen München, Paris, Rom und Mailand liegen hinter ihm, eins wird ihm noch vergönnt sein. Er hat eine Oper, Ballettmusiken und Gesangsstücke gemäß den Exaltationen der zehner und zwanziger Jahre komponiert, dann in schönem Wechsel Romane, Erzählungen, Essays und Theaterstücke geschrieben, inszeniert, Bühnenbilder entworfen. Und, ganz nebenbei, auch noch mit einer originellen, heiteren Variante der pittura metafisica den drei Jahre älteren Bruder Giorgio de Chirico avantgardistisch überholt, als der Mitte der zwanziger Jahre bereits in den Schoß der Konvention zurückgefunden hatte.

Jetzt sitzt er – ein gefesselter Proteus – auf dem Land in seinem Haus in der Versilia, nahe Viareggio fest und schreibt sich, unzufrieden mit den leblosen, trügerischen Wissensschablonen der herkömmlichen Enzyklopädien, peu à peu sein eigenes höchst persönliches Lexikon. Hebt den Schleier von so ungelüfteten Geheimnissen wie der Liebe, der Dummheit, dem Geruchssinn, der Grammatik, der überragenden Frau, dem glücklichen Druckfehler, dem Germanentum, der Poesie, dem Schamgefühl, dem Wesen Hitlers, Mussolinis, der Tragödie, dem Kalauer und dem Trinkerathletentum – um nur einige der über 200 Stichworte zu nennen. Erstaunliche Dinge erfahren wir da, etwa über den Buchstaben A. Der große Erfolg dieses Buchstabens liegt darin, dass das A Staunen und Schmerz zum Ausdruck bringt, also zwei der drei »Gefühlszustände«, aus denen das Leben besteht. Der dritte ist die Langeweile. Das Leben des Künstlers besteht aus Staunen. Das Leben des Geistesmenschen besteht aus Schmerz. Wären wir alle entweder Künstler oder Geistesmenschen, meint Savinio, wäre die Welt in Ordnung. Aber die große Mehrheit lebt in der Langeweile.

Der Deutsche hat einen Horror Vacui vor sich selbst

Das Meiste, was aus Langeweile geschieht, ist relativ unschädlich. Aber es gibt, so der Autor, eine menschliche Leere, die unersättlich ist. Diese Menschen gleichen den Fässern der Danaiden. Savinio nennt sie »Faß-Menschen«. Mussolini, Hitler sind solche Fässer ohne Boden. Wie die kosmischen schwarzen Löcher, die alles schlucken, was in ihre Nähe kommt, verschlingt die »gähnende Leere« der Diktatoren (mit Prokura ihrer Untertanen) ganze Völker, die sie mit Krieg überziehen. Besonders bei den Deutschen muss man auf das Schlimmste gefasst sein. Seit Jahrhunderten müssen sich die europäischen Völker gegen dieses nichteuropäische Volk in der Mitte Europas wehren, das mal unter dem Namen Attila, dann Alarich, dann Barbarossa oder Wilhelm II. oder Hitler seine Nachbarn überfällt. Warum das so ist? Savinio erklärt es uns: Der Deutsche hat einen Horror Vacui vor sich selbst. Das ist das »germanische Drama«. Nicht um sie zu beherrschen, weil er sich überlegen fühlt, macht er sich über andere Völker her, sondern um sich mit ihnen zu vermischen und »als Deutscher zu verschwinden«. Der deutsche Eroberungsdrang sozusagen als missglückte Selbstbefreiungsmission eines notorischen Untergehers. So gesehen, fragt sich, wie er seinen Untergang managt nach dem Ende der Eroberungen. Ganz neue Aspekte tun sich hier auf, etwa im Hinblick auf die »Visa-Affäre«.

»Europa« beziehungsweise »Europäertum« sind für Savinio keine geografischen Begriffe, sondern Chiffren für eine humane, christliche Kultur – mit einer großzügigen Einschränkung allerdings. Das »Gespenst Gottes« vermasselt die schönste, friedlichste Kultur. Deshalb bitte: ein Christentum ohne Gott. Die christliche Auffassung vom Leben ist nicht an die Idee von Gott gebunden. »Deutlicher gesagt: Für das christliche Lebensgefühl ist Gott als Prämisse nicht nötig. Noch deutlicher: Das Vorurteil Gott belastet das christliche Lebensgefühl und schadet ihm. Das wahre Christentum ist gottlos … Und wenn ich gottlos bin, dann nicht aus Überlegungen heraus, sondern weil ich ein Christ bin.«

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