Von allen amerikanischen Schriftstellern der mittleren Generation ist Stewart O’Nan einer der produktivsten. Mit 43 Jahren kann der gebürtige Pittsburgher bereits auf ein beachtliches Œuvre zurückblicken: Allein in deutscher Übersetzung liegen mittlerweile acht Bücher mit einem Gesamtumfang von 3000 Seiten vor.

Nicht ganz ein Viertel davon macht O’Nans Opus Magnum, der Roman Abschied von Chautauqua, aus. Es ist das bislang unblutigste Werk eines Autors, der sich mit Büchern wie dem Mörderinnen-Roadmovie Speed Queen, dem apokalyptischen Seuchen-Roman Das Glück der anderen oder dem von drei juvenilen Unfalltoten erzählten Thriller Halloween den Status eines Stephen King der Hochliteratur erschrieben hat. Die 700-Seiten-Schwarte, dessen Original vor drei Jahren unter dem Titel Wish You Were Here erschien, hat außerdem mit Abstand die geringste APPR (action per page rate) im Schaffen des ehemaligen Flugzeugingenieurs. Sie handelt davon, dass Emily nach dem Tod ihres Mannes das gemeinsame Sommerhaus verkaufen will, in dem sie ein letztes Mal von ihrer Familie besucht wird. Man geht schwimmen, spielt Karten, macht Ausflüge, geht einander auf die Nerven, versucht miteinander auszukommen. So weit eine geraffte, aber keineswegs übertrieben knappe Inhaltsangabe.

Das Tempo des immerhin von einem ausgewiesenen Action-Spezialisten verfassten Romans darf als viskos bezeichnet werden: "Emily kam zurück in die Küche, als eine Fliege vorbeischwirrte, fett und schwarz und träge, die wie ein betrunkener Fahrer in Schlangenlinien vor ihr herumflog. Der Brummer setzte sich auf die Fliegentür, deshalb öffnete Emily sie und gab ihm die Gelegenheit, sich friedlich aus dem Staub zu machen." Knapp drei Seiten später wird es der Noch-Hausbesitzerin gelungen sein, die Fliege mit einem über der rostfreien Spüle hängenden Lappen zu erschlagen: "Auch an der Fliegenklatsche klebte Blut und ein abgetrenntes Bein; sie machte sie sauber und hängte sie wieder auf, wie ein Kind, das ein Geheimnis verbarg."

Das ist so ziemlich die gewalttätigste Episode des Buches. Zwar muss hinter dem plötzlichen Verschwinden einer jungen Tankstellenkassiererin ein Verbrechen vermutet werden, aber es findet diesmal im Off der Romanhandlung statt: Von der Vermissten fehlt bis zur letzten Seite jede Spur.

O’Nan erweist sich in Abschied von Chautauqua als ein, wenn man so will: konservativer Meister des multiperspektivischen Erzählens, das nicht durch kühne Schnitte oder Kontraste, dafür aber durch subtile Verschiebungen, Wiederholungen und Ergänzungen gekennzeichnet ist. Kapitelweise wird die Wahrnehmungshoheit an jeweils eine andere Figur delegiert, sogar der alternde Springerspaniel Rufus bekommt einen kurzen Abschnitt. Auf diese Weise wird der Leser mit einem Informationsvorschuss gegenüber den einzelnen Personen ausgestattet, der aber nicht der Entlarvung dient, sondern die Grundlage für eine unaufdringliche Anteilnahme schafft. Auf diese Weise gelingt es dem Roman, in das geduldig geknüpfte Beziehungsgeflecht einige wunderbare Binnendramen einzuweben.

Tante Meg etwa erblickt in Ella "eine Dreizehnjährige ohne Brüste", die ihre Cousine Sarah "vergöttert" und nach dem falschen Elternteil geraten ist – nach Megs Bruder Ken statt nach der Mutter. Ellas Mutter Lise sieht das ganz ähnlich und hofft nur, dass Ella sich nicht mit der schon wesentlich fraulicheren Sarah vergleicht. Dass Ella in Wirklichkeit so gut wie nichts anderes tut und während des Aufenthalts in Chautauqua ausschließlich darauf sinnt, wie sie Sarah auch körperlich näher kommen könnte, ahnt niemand.

Am berührendsten sind wohl jene Passagen, in denen ein gnädiger Blick die Figuren streift, ohne dass diese davon überhaupt wissen. Ein Kapitel, in dem Emilys Enkel Sam das Sagen hat, klingt zum Beispiel wie folgt aus: "Tante Margaret war schön, deshalb saßen sie in dem Kanu. Sie hatte ihm die Hand auf den Kopf gelegt und war so dicht vorbeigegangen, dass er ihr Parfüm riechen konnte. Morgen früh würde er sich daran erinnern wie an einen Traum."

Meg selbst hat freilich wenig von ihrer Schönheit: Nach einem Autounfall und einem Alkoholentzug wurde sie von ihrem Mann wegen einer Jüngeren sitzen gelassen. Was ihr bleibt, ist die Position der überforderten Alleinerzieherin, die ihren Kindern auf die Nerven geht. Echten Ausweg gibt es keinen: "So sehr sie es sich auch wünschen mochte, es war zu spät, innerhalb der Familie die Plätze zu tauschen. Sie konnte bloß auf eine Abmilderung ihrer Rollen hoffen."