Roman Deutsche Wut und rechter Terror
Uwe Tellkamps zwiespältiger Elite-Thriller »Der Eisvogel«
Unvermutet hat das Deutsche uns wieder im Griff. Es kriecht aus den Tiefen zurück an die Oberfläche, wo es sich räkelt und windet. Schriftsteller sind einem alten Rollenverständnis nach dazu da, so etwas zu beschreiben, während ringsumher zur Tagesordnung gerufen wird – auch wenn die meisten von ihnen selbst der Tagesordnung verpflichtet sind. Uwe Tellkamp fällt auf. Er streckt seine Fühler nach allen Seiten aus und hat auch Verbindung zu dem, was von ganz unten kommt.
Uwe Tellkamp ist ein zutiefst deutscher Schriftsteller. Das ist kein Wunder, denn er kommt aus dem Osten. Die Sätze des 1968 geborenen Dresdners sind in dieselben Schächte und Kohlengruben getrieben wie die von Wolfgang Hilbig oder Reinhard Jirgl, da gibt es keine Ironie mehr, sondern vor allem Pathos. Ein Leitmotiv in seinem Roman Der Eisvogel ist das, was 1989 geschah: »Die Dämonen kehrten zurück.«
Beim Klagenfurter Wettlesen im vergangenen Jahr hat Tellkamp einen einzigartigen Durchbruch erlebt, und um ein Bild dafür zu finden, wurde überall auf seine Tätigkeit bei der Nationalen Volksarmee zur Zeit der Wende hingewiesen: Er war Panzerfahrer. Man fand das lustig, auch weil es in seinem preisgekrönten Text vor allem um eine Straßenbahnfahrt ging. In dem Buch, das jetzt von ihm erschienen ist, wird es aber hinterrücks wieder ernst. Es geht um Terrorismus von rechts.
Der Eisvogel ist vermutlich um einiges früher geschrieben als der Klagenfurter Text. Das zeigt sich an den plakativen Dialogen, am plakativen Plot, an der plakativen Figurenzeichnung. Die Hauptfigur Wiggo Ritter, aus reichem Hause, ist ein gescheiterter Philosoph, sein größtes Feindbild: der schäbige 68er-Professor. Dieser fordert die Reaktion heraus. Wiggo gerät in den Kältestrom einer unverkennbar deutschen Führernatur, sie heißt Mauritz Kaltmeister und leitet einen geheimnisvollen Zirkel, der sich »Wiedergeburt« nennt, sowie dessen terroristischen Ableger. Mauritz ist jedoch kein Neonazi, er schlägt in der U-Bahn dummrechte Skinheads krankenhausreif und deren Kampfhund tot. In der »Wiedergeburt« geht es um eine intellektuelle Elite. Es geht darum, die öde Konsensdemokratie, das laue Mittelmaß, die Verkommenheit der Sitten hinwegzufegen und eine Art Kastengesellschaft von Geistesaristokraten zu errichten. Das liest sich zum Teil wie Kolportage und endet in einem grellen Showdown.
Das Verblüffende an diesem Roman ist aber: Man merkt, dass es sich um einen guten Autor handelt. So grob zubehauen die Inhalte sind, so raffiniert ist die Form. Die vielen Filme, die nebeneinander laufen und im Schriftbild durch Absätze voneinander getrennt werden, der ständige Wechsel der Erzählerfigur, die Perspektivwechsel manchmal mitten im Satz: Das erinnert alles an einen Prosastil, wie ihn Reinhard Jirgl entwickelt hat. Und Tellkamp kann suggestiv schreiben. Er findet Bilder, die ein zeitgenössisches Grundgefühl in Szene setzen. Und wenn Mauritz Kaltmeisters Onkel über den Staat der Termiten doziert, ist einmal stimmig in literarische Phantasmen übersetzt, was die Propagandatiraden sonst allzu angestrengt hinausposaunen. Die »Wiedergeburt« muss natürlich scheitern. Aber es hallt in diesem Roman noch etwas davon nach, das Ernst Jünger in den Intellektuellenzirkeln der DDR einen Kultstatus verlieh.
Der zuweilen unbändigen Sprache, dem Visionären der Sätze und ihrem Rhythmus steht auf merkwürdige Weise das Triviale der Handlung gegenüber. Und leider ist das nicht ästhetisch miteinander verbunden, auch wenn die Möglichkeit dazu manchmal aufblitzt. Vielleicht hatte Tellkamp Actionfilme vor Augen, einen Thrill aus rechtem Terror und Endzeitstimmung, und dafür auch noch Zitate: Hollywoods Schwarze Serie im deutschen Niemandsland. Ziemlich am Anfang gelangt man in ein Gewächshaus und hat die Eingangsszene von The Big Sleep im Kopf. Lauren Bacall tritt dann auch wirklich auf, sie heißt Manuela, ist ein reiches Mädel, eine rechte Pubertätsfantasie. Doch spätestens als sie vor dem Sex den armen Wiggo mit Handschellen ans Bett fesselt, wird Tellkamps Überkonstruktion deutlich: Das ist alles zu gewollt, zu durchschaubar.
Der Eisvogel erinnert in seiner Mischung aus Politik-Wut und Melodram auch an einen Künstler, an den man schon lange nicht mehr dachte: an Faßbinder. Es fehlt dessen sozialer Blick vom Rand, und mit einer Revolution von oben hatte der bayerische Anarchist nun wirklich nichts am Hut. Tellkamp wittert jedoch auf ähnliche Weise etwas, was in der Luft liegt. Er hat ein Gespür dafür, dass etwas brennt. Vielleicht kommt er ja noch, der Roman – um in des Autors Bilderwelt zu bleiben – aus einem Guss.
- Datum 19.09.2008 - 12:48 Uhr
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- Quelle (c) DIE ZEIT 17.03.2005 Nr.12
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