Roman Alles ist Eis, und nichts ist gut
Tina Uebels eindrucksvoller Polar-Roman
Das »Prinzip der Fülle«, das Arthur Lovejoy vor Jahrzehnten noch feiern konnte, ist inzwischen in den gemäßigten und auch den weniger gemäßigten Breiten der Erde zum »Prinzip Überfülle« eskaliert. Bevölkerung und Überbevölkerung sind im Erdmaßstab synonym. Antoine Roquentin, der degoutierte Held von Sartres Roman muss das schon geahnt haben, als ihm alles, was in der Welt herumexistierte, ausnahmslos alles, als als »zu viel« erschien.
Die noch leeren Räume der Erde, Steppen, Gebirge, Meere, Wüsten, werden immer anziehender. Der Horror Vacui, der Schrecken vor dem Leeren, den die Naturphilosophie einst projektiv der Natur selber zuschrieb, weicht dem Amor Vacui, der Liebe zum Leeren. Und neue Typen von Liebhabern machen sich zu den letzten vakanten Räumen auf, nach den Forschern nun die Extremtouristen – und die Autoren: nichts verheißungsvoller als »die Schrecken des Eises und der Finsternis« (so Christoph Ransmayrs erster Roman) oder Überhelle, die umschlägt in Finsternis.
Eben die Leere freilich geht über dem Run der neuen Besucher verloren. Seit kommerzielle Expeditionen den Everest und den Südpol für ein paar Dollar mehr im Programm haben, sind um den Preis einiger kleinerer oder größerer Katastrophen auch diese Räume mit überflüssiger Humanexistenz überfüllt. Tina Uebel, geboren 1969 in Hamburg, erzählt in ihrem zweiten Roman von »Extreme Adventures«, dem amerikanischen Reiseunternehmen, das zahlungsfähige Extremsportler zum Südpol zu bringen verspricht. Jon Kracauer hat mit einer kritischen Reportage im Selbstversuch dokumentiert, wie solcher Irrsinn enden kann. Tina Uebel kommt es auf anderes, vielleicht das »ganz Andere« und das nur zu Vertraute an.
Der vorzüglich recherchierte Roman wird primär aus der Perspektive eines deutschen Marathon-Mannes erzählt, der aufbricht, um dem grausamen Tod seiner dementen Mutter und einer zerbrochenen, aber irgendwie doch noch weitergehenden Beziehung zu entkommen: im Eis, der »Abwesenheit von allem«.
Daneben unterwegs: Susan, die amerikanische Einhandseglerin, Atlantik solo, Anwältin für Umweltrecht, die inkarnierte Selbstdisziplin; Ralph, der nachlässige Holländer; Michael, der New Yorker »seven-summits-man« aller Erdteile, Everest inbegriffen, notorisches Großmaul, am Ende gestraft von der Nemesis des Versagens; und dann noch Jeff und Andrew, die Guides, mit bewundernswerter Übersicht und Selbstkontrolle der ruhende Pol, um den Preis, dass sie kaum mitagieren, eher leere Blätter.
Was sich nun Tag für Tag abspielt, zwei Monate und 730 Meilen lang, Schneeblindheit und einen mehrtägigen Blizzard inbegriffen, ist ein Psychodrama eskalierender Reizbarkeit, unerbittlich beobachtet in einer grandiosen und brutal menschenwidrigen Natur. Im zermürbenden Kampf gegen die Kälte, den Wind und die vereisten Schneeverwehungen gibt es einige wenige hohe Momente, in denen alle wissen, was sie hier gesucht haben. Doch was sie finden, ohne es gesucht zu haben, ist ihr mehr (Michael) oder minder (Susan) klägliches, lächerliches Ich. »Alles ist Eis«. Und nichts ist gut. Oder auch so: Nichts, das groß geschriebene, wäre gut.
Allerdings sorgt eben das Psychodrama für Stoff und Konturen. Der multiperspektivisch erzählte Roman bevölkert den leeren Raum mit Innenperspektiven. In den menschenfernen Passagen durch die Schrecken des Eises und der Leere nimmt das weiße Nichts, das »nihilum album« der mystisch-nihilistischen Tradition, umso eindrucksvoller Gestalt an, wenn auch mit der Folge, dass es nichts weniger als schlechthin das Nichts ist.
Die Autorin hat dafür eine Sprache gefunden, die vom forciert coolen, bemüht witzigen Kodderton der Figuren bis zu einer Prosa reicht, die manchmal wie ein antarktisches Langzeilengedicht wirkt: Großartig, wie sie Naturmonotonie und schleichende Eskalation, Repetition und zunehmende Spannung verbindet, ohne gröberer Handlungsreize zu bedürfen. Auf dem von Julius Payer über Willem Frederik Hermans bis zu Christoph Ransmayr eindrucksvoll besetzten Terrain eine bemerkenswerte neue Stimme.
- Datum 17.03.2005 - 13:00 Uhr
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- Quelle (c) DIE ZEIT 17.03.2005 Nr.12
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