Manchmal sagt man von Kunstwerken, sie seien klüger als ihre Schöpfer. Bei Peter Greenaway kann man sicher sein, dass er immer auf der Höhe seines Materials operiert. Und wenn er bemerkt, in seinen frühen Filmen seien bereits alle für sein Werk wichtigen Elemente versammelt, hat er sich das gut überlegt. Die vom Britischen Film-Institut edierten DVDs, die jetzt bei absolut Medien herausgekommen sind, stellen acht Arbeiten des Regisseurs aus den Jahren 1969 bis 1980 vor: vom nahezu abstrakten Kurzfilm Intervals, der Ansichten eines überraschend trockenen Venedigs variiert, über das entspannte Home-Movie H is for House bis zum dreistündigen Mockumentary The Falls mit seinen 92 fiktiven Porträts von Menschen, die nach einem so genannten unbekannten Vorkommnis auf seltsame Art mutieren. Gemeinsam ist den Filmen nicht nur eine charakteristische Mischung aus Konstruiertheit und Komik, sondern auch die Tatsache, dass sie wie Konzeptkunst funktionieren und ihre volle Wirkung erst durch den vom Regisseur in Form kleiner Einleitungen mitgegebenen Beipackzettel entfalten. So erschließt sich etwa die apokalyptische Dimension der Greenawayschen Vorliebe für die Zahl 92 nur, wenn man weiß, dass es sich dabei um die Ordnungszahl des Bombenrohstoffs Uranium handelt. Und dass die Anordnung der Intervals dem Notationssystem von Vivaldis Vier Jahreszeiten entspricht - nun, darauf muss man erst mal kommen.

Die DVD-Sammlung bietet eine kompakte Einführung in ein Werk, das sich einerseits durch eine ausgefeilte Privatmythologie, andererseits durch eine beispiellose Vielfalt politischer, philosophischer, naturwissenschaftlicher und medialer Bezüge auszeichnet. Wer etwa wissen möchte, worauf sich Peter Greenaways neuestes Projekt The Tulse Luper Suitcases gründet, wird an den Knotenpunkten der ersten Essayfilme auf einen imaginären Forscher, Filmemacher und Autor stoßen. Einen Universalbesserwisser namens Tulse Luper, der einerseits eine Persiflage auf den akademischen Betrieb darstellt, zugleich aber auch das repräsentiert, was Greenaway selbst umtreibt: jene Leidenschaft für Struktur und Symmetrie, für Zeichen und Namen, Codes und ihre Entschlüsselung, die sich später in Kinoproduktionen wie Der Kontrakt des Zeichners oder Ein Z und zwei Nullen niedergeschlagen hat.

Ähnlich ambivalent wie der Luper-Charakter funktionieren die meisten Titel der Sammlung. In ihrer experimentellen Ästhetik sind sie vollkommen ernst gemeint. Zudem entfalten die seriellen Aufnahmen glitzernder Bäche und Flüsse in Water Wrackets oder die Baumstämme, Rugby-Tore und Strommasten im Vertical Features Remake eine eigene poetische Qualität - schließlich hat Greenaway als Maler angefangen. Aber spätestens wenn die gepflegte BBC-Stimme des Sprechers Colin Cantlie im Off einen ominösen Wissenschafter mit einem bizarren Namen zitiert oder ein banaler Traktor die vertikalen Merkmale des avantgardistischen Bildarrangements kreuzt, ist klar, dass Greenaways strukturalistisches Denken sein Gegenteil einschließt: das kontingente Ereignis. Das Inkommensurable. Das Chaos. Monty Python's Flying Circus. Diese Lust an der intellektuellen Satire haben die Low-Budget-Arbeiten des Regisseurs seinen glamourösen, eher auf viszerale Schocks zielenden narrativen Großfilmen definitiv voraus.

Peter Greenaway: Frühe Filme

2 DVDs, 319 Min., absolut Medien