LibanonEine Mauer ist gefallen

Die "Zedernrevolution" im Libanon beflügelt die Hoffnung auf einen arabischen Frühling der Demokratie. Wie passt die Massendemonstration der Hisbollah-Anhänger zum Aufbruch von Beirut? von Abbas Beydoun

Am 8. März fanden sich Hunderttausende schiitische Libanesen in Beirut zusammen, die Syrien vor seinem Truppenabzug danken wollten. Dies wirkte auf den ersten Blick geradezu absurd. War bei den vorhergegangenen Demonstrationen der "Zedernrevolutionäre" nicht gerade der Rückzug der Syrer aus dem Libanon gefordert worden? Wochenlang hatte man die Aufklärung des Mordes an dem ehemaligen Ministerpräsidenten Hariri und den Abzug der syrischen Truppen gefordert. Und nun eine Massendemonstration für das Besatzungsregime?

Es ist schwer vorstellbar, dass die syrische Präsenz bei einem Teil des Volkes dermaßen beliebt gewesen sein soll. Der Chef der Hisbollah, Hassan Nasrallah, hatte zu der Demonstration aufgerufen. Die Schiiten waren ihm gefolgt. Dies hat die Libanesen überrascht und ihnen eindringlich gewisse Tatsachen vor Augen geführt, die umso klarer zum Vorschein traten, je mehr man meinte, sie verdrängen zu können.

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Niemand hatte versucht, die Schiiten von den Protesten auf dem Platz der Märtyrer auszugrenzen. Sie haben es selbst versäumt, sich der Opposition anzuschließen, die sich nach der Ermordung Hariris formierte. So bildete sich ein Teil der Opposition ein, es sei möglich, die Schiiten im neuen Kalkül an den Rand zu drängen. Zunächst schien der neue Aufbruch ohne die Schiiten möglich zu sein. Niemand sprach es aus. Aber nun ist gerade das, was in der politischen Debatte im Libanon nicht ausgesprochen wurde, besonders klar geworden. Es wird Konfessionalismus betrieben, ohne ihn so zu nennen.

Warum sich so viele Schiiten mit der Hisbollah verbünden

Die Schiiten verstanden die Proteste gegen die libanesische Regierung und ihre syrische Schutzmacht als eine gegen sie gerichtete Provokation. Sie begriffen, dass mit einem Mal noch etwas im Raum stand, das nicht ausgesprochen wurde: die Entwaffnung der Hisbollah – ihre Entwertung und Entmachtung. Das ist der wahre Grund dafür, dass der schiitische Taxifahrer, der eigentlich schon lange unter der Konkurrenz des syrischen Taxifahrers leidet, trotzdem für Syrien auf die Straße ging. Ebenso der schiitische Bauer, der seit langem über die Überschwemmung des Marktes mit billigen syrischen Agrarprodukten klagt. Und der schiitische Arbeiter, der seinen Niedriglohn und manchmal sogar seine Arbeitslosigkeit der syrischen Präsenz zuschreibt. Auch der schiitische Mittelschichtsbürger, der unablässig wiederholt, wie sehr ihn die syrisch-libanesische Mafia beunruhige und dass sie die Schuld am rückläufigen Lebensstandard trage, ebenso wie der libanesische Bourgeois, der diese Mafia beschuldigt, die Investitionen zu kontrollieren. All jene folgten der Aufforderung der Hisbollah, auf die Straße zu gehen, um Syrien zu danken.

Das ist höchst merkwürdig, nicht jedoch irrational. Es erscheint verständlich, wenn wir begreifen, dass die Schiiten glauben, das mit Syrien verbündete Regime sei die nächste Zielscheibe nach dem syrischen Abzug und damit auch ihre Position in diesem Regime. Aus Angst vor der drohenden Marginalisierung sammeln die Schiiten sich unter der Fahne der Hisbollah.

Bedeutet dies die Billigung des Widerstands? Die Billigung des dauerhaften Kriegs mit Israel, der doch gerade den Schiiten im libanesischen Süden so viel Leid zufügt? Will man auf der weiteren Präsenz syrischer Truppen im Libanon beharren?

Die Antwort ist ja und nein. Die Schiiten demonstrierten bezeichnenderweise, nachdem der syrische Abzug bereits endgültig beschlossen war. Der Dank an Syrien war also lediglich eine Abschiedszeremonie. Die eigentliche Botschaft war: Wir Schiiten sind mächtig, auch ohne Syrien. Indem sich Hunderttausende Libanesen unter der Fahne der Hisbollah versammeln, warnen sie all diejenigen, die glaubten, die Zeit sei reif, um mit den Schiiten abzurechnen, und ließen dabei erkennen, dass mit ihnen nicht zu spaßen ist. Vor diesem Hintergrund formulierte die Hisbollah ihre Forderungen und rief zum Dialog und zur Einigkeit auf: Die Hisbollah will am politischen Prozess partizipieren und strebt in der neuen Regierung nach Einfluss.

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  • Schlagworte Libanon | Hassan Nasrallah | Hisbollah | Syrien | Agrarprodukt | Demonstration
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