Man kann sich ganz schön allein gelassen fühlen mit einer Schallplatte und einem Handy-Klingelton. Vier Jahre hat sich das französische House-Produzentenduo Daft Punk Zeit gelassen, um ein neues Album einzuspielen, schon im Pop eine lange Zeit, in der elektronischen Tanzmusik aber, wo Künstler ihre neuen Stücke normalerweise im Monatsrhythmus auf den Markt werfen, eine Ewigkeit. Und nun das: Zum Erscheinen gibt es keine Interviews, keine Promotour, keine Auftritte, keine Fotos, keinen Videoclip, nicht einmal eine Single-Auskoppelung vorab, eigentlich nichts. Außer der Platte eben, Human After All, dem Klingelton, den man sich von ihrer ansonsten fast vollkommen schwarzen Homepage herunterladen kann und einer zweizeiligen Kommandoerklärung, in der Thomas Bangalter und Guy-Manuel de Homen-Christo verkünden, das Album spreche für sich – nach Diktat sollen sie in den Urlaub gefahren sein.

Untergrund-Ethos gegen den Kommerz der ravenden Gesellschaft

Natürlich kann man diese Weigerung, irgendetwas anderes machen zu wollen als Musik, auch als Symptom lesen: wahlweise dafür, dass die Künstler trotz ihres Erfolgs auf dem Boden geblieben sin, oder wegen ihres Erfolgs anscheinend endgültig durchgedreht. Doch so ratlos man diesem nackten Stück Musik zunächst gegenübersitzt – es entwickelt rasch ein faszinierendes Eigenleben. Der Roboter des wunderbaren Titeltracks, der darauf programmiert ist, in einem fort Human After All zu singen, scheint über diesem Widerspruch wirkliche Gefühle zu entwickeln, um in dem düsteren The Brainwasher als Tanzflächen-Terminator zu seiner eigentlichen Bestimmung zu finden. Die Vocoder-Stimmen, die in The Prime Time Of Your Life fortwährend ihren Rhythmus beschleunigen müssen, als gelte es, dem Maschinenglück hinterherzulaufen, ruhen in Make Love unter gänzlich unentfremdeten Seufzern. Über die schimmernden Oberflächen ihres Techno-Romantizismus lässt einen diese Platte in eine Welt gleiten, in der die Mensch-Maschinen, die Kraftwerk einst erfanden, mittlerweile so ausgefeilt sind, dass sie zum Zeitvertreib Led-Zeppelin-Riffs nachspielen. Schon seit sie sich nach dem Überraschungserfolg ihres Debütalbums Homework 1997 nur mit Masken fotografieren ließen, spielen Bangalter und Homen-Christo höchst geschickt mit der strategischen Kommunikationsverweigerung. Effektvoll bedienten sie sich im Fundus der Technogeschichte und setzten mit ihren Roboteranzügen dem heißlaufenden Kommerz der ravenden Gesellschaft und deren Hunger nach frischen Gesichtern ihren symbolischen Underground-Ethos entgegen. Vier Jahre später ließen sie den japanischen Zeichner und Captain-Future- Erfinder Leiji Matsumoto für jeden einzelnen Track ihres Discovery- Albums einen Videoclip zeichnen und kündigten an, nach und nach jedes der 14 Stücke als Single auskoppeln zu wollen – sie kamen immerhin bis Nummer vier. Eine Unternehmung, die einem im Nachhinein weniger größenwahnsinnig vorkommt, als vielmehr wie ein letzter Versuch, sich von der bereits angekränkelten Musikindustrie ohne Rücksicht auf Verluste noch einmal ein Gesamtkunstwerk finanzieren zu lassen – zumal der Film Interstellar 5555, als er dann fertig war, tatsächlich ein Weltraum-Märchen von der Zerstörung der Musikindustrie erzählte.

So gesehen, ist das freiwillige Verschwinden von Bangalter und Homen-Christo mehr als paranoides Spiel. Wer für einige der avanciertesten Videoclips der Neunziger verantwortlich ist und sich im Jahre 2005 dafür entscheidet, zum Start seines Albums nur einen Klingelton herauszubringen, kommentiert auch die schier bodenlose künstlerische Misere des internationalen Musikfernsehens. Und karrierepragmatisch ist Bangalter und Homen-Christos Gang in die symbolische Klandestinität ohnehin eine gute Idee. Denn längst hat sich die Technokultur wieder in ihre Nischen zurückgezogen. Als Künstler wie Fatboy Slim oder The Prodigy im vergangenen Jahr versuchten, an ihre Erfolge der Neunziger anzuknüpfen, verschwanden sie rasch so unfreiwillig wie endgültig in der Warteschleife für die "Was macht eigentlich …?"-Rubriken der Musikmagazine. Es gehört dagegen nicht viel Fantasie dazu, sich vorzustellen, wie Bangalter und Homen-Christo in einer unterirdischen Kommandozentrale sitzen und mit mildem Interesse beobachten, wie sich die Welt denn nun verhält in dieser Versuchsanordnung: Bekanntester Techno-Act der Welt untergetaucht! Wird das Schweigen von Daft Punk überbewertet?