New York, im Backstage-Raum des B.B.King’s: Solomon Burke zwängt schnaufend seine 150 Kilo in den viel zu schmalen Sessel. Über seinem eleganten Dreiteiler baumelt sein großes, diamantenbesetztes Bischofskreuz. Mit segnend ausgebreiteten Händen und einem "God bless you" begrüßt er Barmädchen wie Journalisten. Auch sonst scheint er kaum einen Unterschied zwischen Kirche und Club zu machen: "Musik" sagt er zwischen zwei Bissen vom Hühnchenfilet, "hat immer eine Botschaft – tief drinnen kann jede Zeile, jede Note dir Heilung bringen." Wenn Burke seinen sonoren Bariton erhebt, kommt er schnell ins Predigen. Eben hat er noch von seiner Diät geredet, mit der Bedienung geflirtet und Komplimente an wildfremde Fans verteilt, jetzt erklärt er das "elfte Gebot der Großherzigkeit". Der Mann kann, ohne mit der Wimper zu zucken, vom profansten Detail zur tiefgründigsten Bibelweisheit springen. Und umgekehrt. Am liebsten aber lacht er. Von ganz tief unten aus dem Bauch dröhnt sein Gelächter, rollt durch das ganze Zimmer und scheint vor nichts und niemandem Halt zu machen. Erst als sein Handy klingelt, ringt sich Solomon Burke zu einem ernsten Blick auf das Display durch: "Ich habe 21 Kinder, 74 Enkel und 13 Großenkel", erklärt er feierlich, "und glaube mir, ich weiß oft nicht mehr, zu wem die Stimme am anderen Ende der Leitung gehört."

Songs für den kleinen spirituellen Hunger zwischendurch

Geschäft und Gebet – das waren für Bischof Burke nie Widersprüche. Neben einer großen Familie hat er auch noch seine Nazarene-Kirche in Los Angeles und eine florierende Kette von Bestattungsunternehmen zu betreuen. Kaum ein Business, an dem er sich nicht versucht hätte: vom Limousinenverleih über den Kräuterversand bis zum Popcornverkauf bei seinen eigenen Konzerten. In diesem Licht lässt sich auch sein neues Album lesen: Make Do With What I Got. Eine Apotheose des Weltlichen, des Hier und Jetzt. Was auch immer du gerade fühlen magst, raunt uns ein Solomon-Burke-Song zu, ich habe es schon in allen Tiefen ersehnt, erlebt und durchlitten. Das klingt tröstlich: Niemand ist allein mit seinem Schmerz. Wir alle sind Gefallene, brauchen Heilung. Letzte Gewissheiten, die den gelernten Bestatter schon von Berufs wegen begleiten. Burke hat stets die Einheit der spirituellen und physischen Liebe gepredigt. Angesichts des zeitgenössischen Sex-und-Champagner-Rhythm ’n’ Blues wirken seine Songs wie ein Anachronismus, der Versuch, die brachliegenden Möglichkeiten von Soul in Erinnerung zu rufen: Ging es da nicht immer auch um menschliche Grenzerfahrungen, das Drama der Katharsis und der Hoffnung? Was sonst sollte Songwriter-Legenden wie Bob Dylan, Van Morrison oder Tom Waits dazu bewogen haben, Mr. Burkes Mission so uneigennützig zu unterstützen, was die Rolling Stones wie auch den Papst dazu gebracht, den schwergewichtigen Mann zu sich auf die Bühne zu holen? Schließlich: Wie brächte Burke es ohne den Soul fertig, vier Jahrzehnte nach seinem letzten Hit noch einmal eine weltweite Gemeinde von Jüngern zu mobilisieren? Mit intuitiver Empathie trifft er die Sehnsüchte einer von MTV spirituell ausgehungerten Klientel, hält er nicht nur für desillusionierte Kinder der sechziger Jahre alte Ideale hoch.

Die Aura des Predigers und Lebemanns reichte schon immer weit über die Grenzen seiner Person hinaus. Seine etwas altmodische Würde hängt auch damit zusammen, dass er sich nie mit den Verlusten aufgehalten hat, sondern stets die Aura des Gönners und Beschenkten verströmt. Zynismus jedenfalls sucht man bei Solomon Burke vergeblich. Er mag noch so viele Leichen gewaschen haben – am Ende teilt er einen kollektiven Traum, den er bereits in den sechziger Jahren in einem Song von Nina Simone auf den Punkt gebracht hat: I Wish I Knew How It Would Feel To Be Free. Erst vor drei Jahren hatte Don’t Give Up On Me den schwergewichtigen Sänger aus dem Endlager verheizter Soulveteranen zurückgeholt. Produzent John Henry vertraute dabei voll und ganz der Improvisationskunst Burkes. Was sollte schon schief gehen, wenn eine so emotional flexible Stimme auf Songs von Elvis Costello, Bob Dylan oder Van Morrison trifft?

Letztere haben dem Soultitanen auch diesmal wieder zugeliefert. Den Titelsong soll Dr. John gar persönlich an des Bischofs Haustür gebracht haben: "Gott", so feixt Burke, "hat diese Songs den Autoren eingegeben und an mich weiterleiten lassen. Ich bin nur derjenige, der die Verpackung besorgt." Umso mehr schmerzt die altbackene Produktion des neuen Albums aus den Händen von Don Was. Zwar lässt das Arrangement viel Raum für Burkes frei fließende, stets Verletzlichkeit und Würde ausstrahlende Bariton-Phrasierungen. Doch bisweilen ertrinken seine Botschaften in einem Wust allzu biederer Früh-Soul-Reminiszenzen. Das ist deshalb ärgerlich, weil Burkes Talent keineswegs auf Nostalgiehuberei angewiesen ist.

Vom Kinderpropheten zum Charismatiker mit der Königskrone

Die Vergangenheit: Dem einstigen "King of Rock ’n’ Soul" dient sie heute vor allem als Anekdoten-Fundgrube. Unvergessen seine Konzerte in den Sechzigern, als er nie ohne roten Teppich, eine Replik der englischen Königskrone auf dem Kopf und eine von einem leibhaftigen Zwerg geschleppte Hermelinrobe die Bühne betrat. Selbst die Konkurrenz bescheinigte ihm ein geradezu beängstigendes Charisma: Niemand sonst könne so intensiv Kontakt mit dem Publikum aufnehmen, niemand einem Händedruck von der Bühne herab so viel emotionale, sexuelle und spirituelle Bedeutung verleihen. Burke vermittelte diesen gewaltigen, unstillbaren Lebenshunger. Und wenn er auch gelegentlich mit einer Hand ein Kind segnete, während er mit der anderen einen Frauenpo kniff – ihn ging es letztendlich um eine höhere Art von Harmonie: Seine ureigene, aus Gospel, Rhythm ’n’ Blues und Country-Elementen zusammengesetzte Sorte Soul, so glaubte Burke, würde dazu beitragen, die Rassen zusammenzubringen. Selbst wenn die Umstände noch so widrig waren: Als der Ku-Klux-Klan ihn einst irrtümlich für eine Party in Huntsville, Alabama buchte, gab der Soulmann vor einigen hundert Kapuzenmännern ungerührt sein Glaubensbekenntnis zum Besten: Everybody Needs Somebody To Love.

Die Rolle des Allversöhners wurde Burke in die Wiege gelegt: Schon zwölf Jahre vor seiner Geburt im Jahre 1936 soll er seiner Großmutter in einer Prophezeiung erschienen sein, worauf diese die House of God for All People Church gründete – eine Vereinigung, der heute knapp 170 Kirchen mit 40000 Mitgliedern in ganz Nordamerika und Jamaika angehören. Mit sieben Jahren hält Solomon seine erste Predigt, mit neun wird er zum Bischof gekürt. Lokale Radiosender lassen den Kinderpropheten regelmäßig die Frohe Botschaft verkünden. Als er Anfang der sechziger Jahre bei Atlantic Records in New York unterschreibt, ist Labelboss Jerry Wexler überzeugt, den "größten Soulsänger aller Zeiten" gefunden zu haben. Schmalzige Popnummern à la If You Need Me schüttelt der Bischof ebenso überzeugend aus dem Ärmel wie das gesellschaftskritische Social Change. Die Rolling Stones, Tom Jones oder Otis Redding covern ihn. Vor allem aber erschließt Solomon mit gospelnden Interpretationen von Country-und-Western-Balladen den Afroamerikanern bis dato verschlossene Popregionen.