Manche trifft es daheim vor ihrer Anlage, manche im Stau, während das Autoradio läuft, wieder andere beim Aufblättern eines CD-Booklets, dessen Centerfold eine seltsame Ruhende zeigt. Zum Sterben müde liegt sie hingestreckt auf einem Lager aus Stroh, um den mageren Leib ein Rüschenkleid, in der Hand Garn und Spindel, die den matten Fingern entgleiten wollen. Gelb, so gelb verwelkt die schönen Blumen. Und blass, so blass der Teint. So etwas hält das echte Leben nicht für einen bereit, so etwas gibt es nur auf Gemälden alter Meister. Oder in der Wunderwelt des Rufus Wainwright.

Vor Jahr und Tag begegnete er der Gemeinde als Ritter in schimmernder Rüstung, für sein jüngstes Album Want Two hat er die Gestalt eines schlafenden Burgfräuleins angenommen. Dornröschengleich und ein wenig derangiert wartet es in seinem Märchenschloss auf Durchreisende, die unvorsichtig genug waren, sich vom Einbruch der Dunkelheit überraschen zu lassen. Einmal vom rechten Weg abgekommen, sinken all ihre Pläne und Vorhaben dahin, folgen sie blindlings den opiumschweren Harmonien, die aus einem der oberen Gemächer zu kommen scheinen. Einen Schritt weiter die Treppe hinauf, und schon ist es um sie geschehen.

Ein singendes Sicherheitsrisiko für alle Nüchternen

Sage keiner, es handle sich um Einzelerfahrungen! Elton John, bekanntlich selbst eine Art verwunschener Prinz, schwärmt in höchsten Tönen von einem amerikanischen Schatz, den es zu entdecken gilt. Kollegin k.d. lang hält Wainwright, der eigentlich aus Kanada stammt, für eine Leib- und Magentinktur, Nelly Furtado für "one of life’s finest pleasures" . Die Käufer seiner Platten wissen ohnehin, dass sie in Wahrheit ein verschreibungspflichtiges Suchtmittel in Händen halten, und Besucher von Wainwright-Konzerten müssen stets mit einer Überdosis rechnen. Vieles lässt sich Rufus Wainwright nachsagen, diesem derzeit avanciertesten Manieristen des Pop. Dass er sparsam mit seinen Mitteln umginge, gehört nicht dazu.

"A little bit stronger, a little bit thicker, a little bit harmful" – bereits seine frühe Ballade Cigarettes And Chocolate Milk enthielt die Einsicht, dass Diäten etwas für Kleinmütige sind, das wahre Glück vielmehr der Steigerung alles Zuckrigen und Gesundheitsschädigenden entspringt, wie es das Leben für Liebeskranke oder Schlaflose bereithält. Inzwischen ist der Mann zum Sicherheitsrisiko für alle Nüchternen geworden. Mit nochmals gesteigertem inszenatorischem Aufwand werden verborgene Kitschadern angebohrt, Gefühlseinschlüsse aufgespürt, dramatische Nerven entblößt. Want Two, der Nachfolger des gepriesenen Want One, ist Affekttheater großen Stils, in dem Variationen über das Thema des Begehrens zur Aufführung gelangen.

Niemand sonst tremoliert so herzergreifend, singt so schön mit geschlossenen Augen. Ein Lied über den Kühlschrankinhalt alternder Huren – nur Wainwright macht daraus ein Ereignis. Weil das Publikum seinen Star zum Fressen gern hat, ist mittlerweile aber auch ein Rätselraten im Gange, wie es im Innersten um ihn bestellt sei und warum er denn so traurige Augen habe. Kirsten Dunst, Spidermans Leinwandgeliebte, hat sich den Patienten in einem Interview für den Observer zur Brust genommen, stellvertretend nach frühen Verletzungen gefragt. Sorgen bereitet, dass er anderen Pathetikern der Popgeschichte ähnelt, dem jungen River Phoenix etwa oder dem unglücklichen Jeff Buckley. Seit Martin Scorsese auch noch eine Nebenrolle in Aviator mit Wainwright besetzte, werden Dornröschens Mülleimer durchsucht und öffentlich ausgebreitet. Unerschöpfliches Thema: die Familie.

Rufus Wainwright entstammt einer musikalischen Sippe. Sein Vater ist der einst als zweiter Bob Dylan gehandelte Loudon Wainwright III, seine Mutter die Folksängerin und Songwriterin Kate McGarrigle, ihres Zeichens Teil der in Folkkreisen hoch geschätzten McGarrigle Sisters. Rufus wuchs im Schwestern- und Tantenverbund auf, wo er schon früh den Chorgesang lernte und den Vortrag vor geladenen Gästen. Im Alter von sechs Jahren war er ein singendes Wunderkind, im Alter von zwölf ging er mit den McGarrigles auf Tournee, die ihn von Montreal aus in die Vereinigten Staaten führte und von dort aus nach Europa. Dies alles zusammengenommen mag der Grund dafür sein, dass das mütterliche Erbe gut abgebildet ist in seinem Schaffen. Dieselben jubilierenden Melodien, derselbe schmachtende Gesang, gepaart mit einem Sinn fürs Traditionelle und solider Kenntnis der Harmonielehre. Schwieriger liegt der Fall beim Vater.

Loudon Wainwright verließ die Familie nicht nur bald nach ihrer Gründung, er verarbeitete seine Erfahrungen auch auf offener Bühne. Rufus Is A Tit Man heißt eines seiner Lieder, in dem er vom Schmerz singt, seinen Sohn an der Mutterbrust saugen zu sehen, ein böser kleiner Song über Konkurrenzgefühle und das ewige Kind im Manne. Loudon entschädigte sich für die erlittene Kränkung, indem er Trost bei anderen Frauen suchte, noch viel mehr böse kleine Songs schrieb, darunter detaillierte Selbstbeobachtungen über Masturbation, Altmännerschweiß und andere Körperausscheidungen ("shit comes in different colours and consistencies"), wenn alles nichts half, tröstete der Alkohol. Ob das ausschweifende Leben des älteren Wainwright für die sexuelle Orientierung des Sohnes ausschlaggebend war, darüber gehen die Ansichten auseinander, fest steht: Loudon ist notorischer Hetero, Rufus bekennender Schwuler. Man redet inzwischen wieder miteinander, scheint sich aber nicht allzu viel zu sagen zu haben.