Carsten Jensen mag die Dänen. Er mag den Humor, das Essen, das Königshaus und vor allem das Sozialsystem. Und so kommt es, dass ausgerechnet der Präsident der Handwerkskammer Flensburg seit mehr als zehn Jahren bei jeder Gelegenheit etwas empfiehlt, was in der Wirtschaft sonst als bedrohlich gilt: höhere Steuern. "Wir müssen unseren Sozialstaat anders finanzieren, um in Europa wettbewerbsfähig zu sein", sagt er. "Die Steuern müssen rauf, die Sozialabgaben runter."

Jensen kann genaue Zahlen präsentieren, er hat Wirtschaftsprüfer verschiedene Reformmodelle durchrechnen lassen. Aber noch lieber erzählt er aus seiner Branche, von Handwerkern diesseits und jenseits Deutschlands nördlichster Grenze. Er selbst führt in Flensburg einen 18-Mann-Betrieb, der Heizungen, Lüftungs- und Sanitäranlagen montiert und repariert. Die dänischen Konkurrenten sind gerade eine Viertelstunde Autofahrt entfernt. "Hinter der Grenze zahlt ein Unternehmer im Baugewerbe weniger für jeden Facharbeiter, obwohl dem netto von seinem Gehalt mehr übrig bleibt", sagt Jensen. Finanziert werde das vor allem durch die höhere Mehrwertsteuer, die in Dänemark bei 25 Prozent liegt, in Deutschland bei gerade einmal 16 Prozent. An keiner europäischen Grenze sind die Unterschiede größer.

Das dänische Abgabensystem beteiligt auch Ausländer, die in Deutschland ihre Produkte absetzen, an den Kosten der sozialen Sicherung – vor allem das gilt für Jensen und seine Handwerkskammer als großes Plus: "Es trifft dann eben nicht nur Volkswagen, sondern auch Toyota." In Schleswig-Holstein erntet Jensen für solche Thesen selten Widerspruch, bei einem Parteitag der Grünen trug er sie kürzlich sogar unter großem Beifall vor. In Schleswig-Holstein werben beide Regierungsparteien offen für das Prinzip "Steuern statt Beiträge". Der kleine Wählerbund SSW, der die dänische Minderheit im Land vertritt und die neue rot-grüne Regierung toleriert, ist ohnehin dafür.

Die SPD hat sogar ein Konzept vorgelegt, wonach der Regelsatz der Mehrwertsteuer von 16 auf 19 Prozent steigen soll. Mit den zusätzlichen Einnahmen soll eine Senkung der Lohnnebenkosten um 2,2 Prozentpunkte finanziert werden. Auch im Wahlkampf warben die Sozialdemokraten dafür. "Die Leute sind nicht blöd", sagt Ralf Stegner, der schleswig-holsteinische Finanzminister. "Die wissen genau: Die höhere Mehrwertsteuer kommt."

Gerhard Schröder hat schon häufig widersproche – zuletzt Ende vergangener Woche. Da erklärte der Kanzler forsch, die Mehrwertsteuer solle kein Thema beim Spitzentreffen mit der Opposition sein. Doch aufmerksam wird auch vom Kanzleramt, der SPD-Spitze und Bundesfinanzminister Hans Eichel beobachtet, dass die Unterstützung für das Prinzip "Steuern statt Beiträge" beinahe täglich wächst, und das über die Parteigrenzen hinweg.

So unterschiedliche Charaktere wie DGB-Chef Michael Sommer, der Wirtschaftsweise Bert Rürup, der CDU-Finanzexperte Friedrich Merz, Sachsen-Anhalts Ministerpräsident Wolfgang Böhmer und die grüne Haushaltsexpertin Anja Hajduk haben Vorschläge gemacht. Vergangene Woche meldeten sich auch noch drei Wirtschaftsinstitute zu Wort und forderten eine Erhöhung der Mehrwertsteuer um zwei Prozent; die Einnahmen sollen in Steuersenkung und in eine Verringerung der Sozialabgaben fließen. Wenige Tage zuvor hatte der Managerkreis der Friedrich-Ebert-Stiftung sich für ein ähnliches Modell stark gemacht. Besonders weit wagte sich am Dienstag Bundespräsident Horst Köhler vor. "Am wirkungsvollsten wäre es, die Kosten der sozialen Sicherung völlig vom Arbeitsverhältnis abzukoppeln", sagte er.

Gleichzeitig schauen Regierung und Opposition in Berlin hilf- und planlos auf die Arbeitsmarktdaten. Die rot-grüne Regierung hatte stets die Senkung der Lohnnebenkosten als wichtigstes Ziel der Agenda 2010 verstanden – und als Weg zu mehr Beschäftigung.

Umso bitterer, dass dabei bisher kaum Fortschritte erzielt wurden. Die "Strafsteuern auf Arbeit", wie Wirtschaftsminister Wolfgang Clement die Lohnnebenkosten nennt, liegen immer noch über vierzig Prozent. Sie machen es nicht nur unattraktiv, neue Mitarbeiter einzustellen, sondern setzen vor allem Arbeitern und Angestellten mit kleinen Einkommen zu, die einen höheren Anteil ihrer Nettoeinkommen an die Sozialkassen abtreten müssen als Spitzenverdiener.