Am meisten irritiert an dieser Personalie der Zeitpunkt. Die Regierung schlingert gerade in schwerer See. In zwei Monaten, wenn Nordrhein-Westfalen gewählt hat, könnte bereits alles zu Ende sein. Und selbst wenn es noch einmal gut geht für Rot-Grün in Düsseldorf und in Berlin, endet die Legislaturperiode verbindlich im Herbst 2006. Es bleiben also, von heute an gerechnet, noch höchstens anderthalb Jahre.

Anderthalb Jahre, so lange läuft auch der Vertrag, den Thomas Mirow in diesen Tagen unterzeichnet hat. Vom 1. April an wird der frühere Hamburger Wirtschaftssenator Abteilungsleiter im Kanzleramt, zuständig für Fragen der Wirtschaft und des Arbeitsmarktes, eine zentrale Figur in der internen Hausordnung, einer der wichtigsten Berater des Kanzlers. Nur, was kann er überhaupt noch bewegen in der verbleibenden Zeit? Welchen Rat im Kampf gegen die Arbeitslosigkeit kann er geben, den der Kanzler in den vergangenen Jahren nicht schon hundertfach gehört – und gegebenenfalls wieder verworfen hätte? Warum nimmt er überhaupt das Risiko auf sich zu diesem Zeitpunkt?

Thomas Mirow lächelt freundlich, das ist seine Art; und er wirkt erstaunlich entspannt. In den vergangenen Tagen hat er zwar oft mit den neuen Kollegen gesprochen, vor allem mit Frank-Walter Steinmeier, dem mächtigen Chef des Kanzleramtes, de facto sein neuer Vorgesetzter. Mirow hat seine Meinung gesagt, als es darum ging, welche Vorschläge der Kanzler an diesem Donnerstag im Bundestag und anschließend im Gespräch mit der Union zur Bekämpfung der Arbeitslosigkeit machen wird. Aber noch ist er nicht in Berlin. Noch sitzt Thomas Mirow in einem Restaurant an der Hamburger Rothenbaumchaussee und spricht gelassen über sein neues Engagement. Man könnte auch sagen: über sein Berliner Himmelfahrtskommando.

Natürlich hat er sich auch die Frage nach dem Sinn gestellt. Er kennt das Risiko und aus eigener, leidvoller Erfahrung das Chaospotenzial dieser Regierung. Vor einem Jahr, als er bei der Bürgerschaftswahl in Hamburg für die SPD als Spitzenkandidat antrat, rochierte Gerhard Schröder mitten im Wahlkampf aus dem Amt des Parteivorsitzenden; Florian Gerster, der damalige Chef der Bundesagentur für Arbeit, verhedderte sich in den Fallstricken seiner Eitelkeit; der Finanzminister begann einen bizarren Kampf gegen die Schwarzarbeit, die Einführung der Lkw-Maut floppte, und die Bürger tobten wegen zehn Euro Praxisgebühr. Das Ergebnis: Mirow verlor die Wahl haushoch gegen Ole von Beust. Und trotzdem gibt er auf die Frage, warum er nun nach Berlin wechselt, eine verblüffend einfache Antwort. Sie lautet, knapp zusammengefasst: Warum nicht?

Mirow hat in den vergangenen Jahren in Hamburg als Unternehmensberater gearbeitet, bis Dezember war er Senior Advisor für Ernst & Young. Der 52-Jährige zählt zu den wenigen deutschen Politikern, die im Laufe ihrer Karriere wiederholt zwischen Regierungsamt und Privatwirtschaft gewechselt haben. Auch jetzt läuft sein Vertrag genau 18 Monate – ohne jeden Anspruch darüber hinaus, der sich sonst aus einer solchen Verwendung als Spitzenbeamter ergibt. Darauf legt er Wert. Mirow ist finanziell unabhängig und hat in Berlin persönlich wenig zu verlieren: Wenn die Regierung scheitert, wird es nicht an ihm gelegen haben. Und: Ausgerechnet Mirow, oft als spröde und ein wenig unnahbar beschrieben, hat trotz der lukrativen Ausflüge in die Wirtschaft offensichtlich eine ungebrochene Lust an der Politik. "Es ist mit das Abwechslungsreichste, was man im Leben machen kann", sagt er mit überraschender Emphase.

Dennoch: Gerade weil Mirow ein gestandener Politiker ist, bleibt seine Berufung zum Abteilungsleiter im Kanzleramt eine ungewöhnliche Wahl. "Eine typische Schröder-Nummer", sagt der wirtschaftspolitsche Sprecher der SPD-Fraktion Rainer Wend und gesteht seine eigene Überraschung. Mirows Vorgänger waren in der Regel Beamte oder Ökonomen. Mirow ist weder das eine noch das andere. Er hat Anfang der siebziger Jahre in Bonn Politische Wissenschaften studiert, und auf die Frage, was ihn als Wirtschaftspolitiker geprägt habe, antwortet er grundsätzlich, aber gänzlich unakademisch. Er habe, sagt Mirow, "ein starkes Empfinden dafür, welcher politische und gesellschaftliche Schaden entsteht, wenn Wirtschaft nicht funktioniert". Gerade in einer Stadt wie Hamburg, in der Reich und Arm recht unvermittelt aufeinander prallen, lasse sich das gut beobachten.

Die Antwort verrät durchaus, warum Mirow – ein "zu spät gekommener 68er", wie er selbst sagt – 1971 in die SPD eingetreten ist. Sozialdemokrat ist er bis heute geblieben, aber ein Mann der Partei war er nie – obwohl er seine Karriere einst im Büro des Parteivorsitzenden Willy Brandt begonnen hatte. Mit 30 Jahren wechselte er von Bonn nach Hamburg, wo er anderthalb Jahrzehnte lang erst als Senatssprecher, dann als Chef der Staatskanzlei und schließlich als Senator die Regierungspolitik mitbestimmte. Er sei "exekutiv geprägt", sagt Mirow. Als er nach der Wahlniederlage der SPD 2001 aus der Regierung ausscheidet, bekommt er das Angebot, für den Bundestag zu kandidieren. Doch er lehnt ab. Die Parlamentsarbeit liege ihm nicht.

Mirow sieht sich selbst als Macher, auch wenn das Etikett am Revers des eher zurückhaltenden Intellektuellen nicht auf Anhieb haftet. Tatsächlich fielen in Mirows Zeit als Wirtschaftssenator wichtige und umstrittene Strukturentscheidungen für Hamburg. Die Erweiterung des Airbus-Werks in Finkenwerder, der Ausbau und die Privatisierung des Flughafens sowie die Vertiefung der Elbe für eine neue Generation von Containerschiffen zählten dazu. Kein Wunder, dass der Sozialdemokrat bis heute in Wirtschaftskreisen einen ausgesprochen guten Ruf hat. "Sachorientiert, kenntnisreich im Detail, ohne sich selbst als Person zu präsentieren", schwärmt Günther Klemm, Chefvolkswirt der Hamburger Handelskammer. Weniger enthusiastisch fällt das Urteil dagegen bei den Hamburger Grünen aus. Auch das ist kaum überraschend, schließlich stand der Senator im Konflikt zwischen den Interessen der Wirtschaft und den Belangen des Umweltschutzes stets eindeutig auf der Seite der Wirtschaft. Und im Senat setzte er seine Politik notfalls auch gegen den grünen Koalitionspartner durch.