Glück gehabt, liebe Berliner! Am Abend des 1. Februar, kurz nach der Tagesschau, preschte ein Meteorit durchs Firmament, mit Kurs auf die Hauptstadt. Er kam aus dem polnischen Nachthimmel. Fünf Sekunden lang glühte er durch die Winternacht. Wäre er größer gewesen, gäbe es heute ein paar Berliner weniger. Kometen tauchen aus der Ferne in unser Sonnensystem ein. Meteorite dagegen kommen aus der Nachbarschaft. Sie entstehen bei Kollisionen im Asteroidengürtel und gelangen als Trümmer zur Erde. Manche nehmen eine Abkürzung BILD

So aber regnete es nur ein paar Bröckchen Himmelsgestein auf die Schrebergärten zwischen Müggelsee und Schönefeld. Das jedenfalls vermutete Thomas Grau, nachdem er die Bahn der Sternschnuppe rekonstruiert hatte. Der Meteoritenjäger konnte mehrere Augenzeugen ausfindig machen. Ein Berliner hatte rötliche Spuren gesehen und ein Knistern gehört, ein Mann aus Thüringen schilderte ihm, wie sich die Sternschnuppe nach drei Sekunden in vier fallende Funken aufgespalten hatte. Grau malte Linien in eine Landkarte und berechnete die Flugbahn. Dann zeichnete er ein zehn mal zehn Kilometer großes Quadrat in die Karte, südöstlich von Berlin. In dem Geviert, meint Grau, müssen die außerirdischen Geschosstrümmer niedergeprasselt sein.

Die Suche kann sich lohnen. Vor drei Jahren spürte Grau in der Nähe von Schloss Neuschwanstein einen Meteorit auf, der kurz zuvor mit Donnergrollen und Feuerstreif die Bayern erschreckt hatte. Der faustgroße Stein war ein besonders seltenes Exemplar und machte Grau in der Szene berühmt. Bayern kaufte dem Brandenburger das Stück Himmelsgeröll ab, dieser kaufte sich von dem Geld ein Grundstück in Bernau bei Berlin, schmiss sein Ingenieursstudium und machte sich als Meteoritensammler selbstständig. Jetzt fallen ihm die Steine fast schon auf den Kopf.

Auch Wissenschaftler sind alarmiert, wenn ein Meteorit gesichtet wird. Hier geht es nicht um die Mörder-Asteroiden aus Hollywood, sondern um bloß kiloschwere Astraltrümmer, die ab und zu ins Gras plumpsen, ohne Dinosaurier auszurotten. Sie stammen aus einer Sonnenumlaufbahn zwischen dem Mars und dem Jupiter. In diesem so genannten Asteroidengürtel schwebt der Bauschutt des Sonnensystems: Hunderttausende Kleinplaneten (auch Asteroiden oder Planetoiden genannt) mit einem Durchmesser zwischen wenigen Metern und hundert Kilometern. Eine Hand voll ist sogar noch dicker, der größte Brocken hat einen Durchmesser von 1.000 Kilometern. Ab und zu krachen die unförmigen Brösel aufeinander oder werden durch Gravitationskräfte auseinander gerissen. Dann fliegen mitunter auch ein paar Splitter zur Erde. Sie bestehen, je nach Größe und Alter des Mutterkörpers, überwiegend aus Stein oder Eisen und Nickel, und sie verraten etwas über die Entstehung unseres Sonnensystems.

Nicht jede Sternschnuppe am Himmel landet als Meteorit auf der Erde. Die meisten Leuchtspuren werden von gefrorenen Eisbrocken erzeugt, die die Luft ionisieren und noch in der Atmosphäre verdampfen. Sie stammen von Kometen ("schmutzigen Schneebällen"), die auf ihren weit ausschweifenden Bahnen um die Sonne eine Menge Dreck hinterlassen.

Aber der Leuchtstreifen über Berlin, das war kein langweiliger Kometenstaub, da ist sich Thomas Grau ganz sicher. Zu hell. Also machte er sich auf den Weg zu seinem Planquadrat an der Stadtgrenze. Die Lage sondieren. Damals in Neuschwanstein hatten 30 Mann das Gelände durchkämmt – vergebens. Dann kamen Grau und seine Freundin. An ihrem ersten Urlaubstag fanden sie den faustgroßen Himmelsstein. "Ich find’s schon kurios", sagt Grau.

Um Meteorite aufzuspüren, haben Astronomen seit den fünfziger Jahren zwei Dutzend halbautomatische Fotoapparate in Tschechien, Deutschland, Belgien, Luxemburg und Österreich aufgestellt: das Europäische Feuerkugelnetz. Jeden Abend werden sie von Hobbyastronomen aufgezogen, jede Nacht machen sie eine Langzeitaufnahme. In Deutschland trägt das Deutsche Zentrum für Luft- und Raumfahrt (DLR) die laufenden Kosten, rund 10.000 Euro pro Jahr. Meteorite verraten sich auf den Fotos als besonders helle Sternschnuppen – sie können heller leuchten als der Vollmond. "Um den Fallort zu berechnen, brauchen wir Fotos von mindestens zwei unterschiedlichen Kameras", sagt der Planetenforscher Jürgen Oberst vom DLR, der das Feuerkugelnetz gemeinsam mit dem Augsburger Astronomen Dieter Heinlein leitet.