Drei Defizite lassen sich im Streit um das Berliner Stadtschloss erkennen, und sie betreffen allesamt das Selbstverständnis der zeitgenössischen Architektur. Das erste: dass wir Architekten in der zweiten Hälfte des 20. Jahrhunderts nicht fähig waren, über die Vergangenheit konstruktiv nachzudenken. Überall wurden nach dem Krieg Gebäude originalgetreu rekonstruiert, doch niemand von uns verlor ein einziges gutes Wort darüber. Wir hatten aber keine triftigen Gründe, dagegen zu sein. Wir waren dagegen, weil ein moderner Architekt einfach nicht für die Idee der Rekonstruktion sein kann. In Wahrheit hatten wir aber oft nichts Besseres zu bieten als das, was eine Rekonstruktion leistet.

Der zweite Schwachpunkt: Die Architekten waren nicht in der Lage, ein eigenes theoretisches Konzept zu entwickeln. Es entstand nichts, was sich auch nur annähernd mit dem architektonischen Diskurs vor dem Zweiten Weltkrieg hätte messen lassen können. Wir haben den Anschluss an die politische Diskussion verloren und auch keinen anderen legitimen Ort der Auseinandersetzung gefunden, um über eine grundlegende und intelligente Architektur zu verhandeln.

Das wäre aber ungeheuer wichtig. Architektur hat ja nur dann Berechtigung, wenn sie eine Utopie formuliert. Seit 1945 aber hat sich die Vorstellung einer gesellschaftlichen Aufgabe kontinuierlich verloren. Zwar wurde der Verlust durch viele reizvolle neue Erfindungen der Architekten kompensiert.

In den letzten Jahren aber, in denen die öffentlichen Bauaufgaben immer weiter schrumpften und wir Architekten zunehmend privaten Interessen dienten, wurde deutlich, dass der Verlust an theoretischem Gehalt auch ein Verlust an architektonischem Gehalt darstellt.

Das dritte Defizit liegt in der Selbstüberschätzung der Architekten. Vor allem in den sechziger Jahren behaupteten sie, durch befreiende Architektur die Gesellschaft befreien zu können. Damit verwickelten sie sich in einen Widerspruch, denn was sollte das sein: eine erzwungene Befreiung? Oft handelte es sich nur um eine verkappte Form von Arroganz und Autoritarismus.

Daran leiden wir bis heute. Uns fehlt eine konsistente Beziehung zur Vergangenheit, überhaupt die Fähigkeit, die Vergangenheit im Ganzen und in ihrem Wesen angemessen zu analysieren. Weil wir den ideologischen Aspekt dieser Diskussion ignorieren, verfallen wir der nostalgischen Annahme, dass befreiende Architektur möglich sei.

Vollends paradox wird die Situation dadurch, dass sich inzwischen etliche Initiativen darum bemühen, anstelle des Stadtschlosses den Palast der Republik zu rekonstruieren. Für dieses Gebäude hatte niemand ein gutes Wort übrig, als es noch intakt war. Wir empfanden es als eine vollständige Anomalie und ein abscheuliches Beispiel absurder, geschmackloser und übertriebener Architektur - es gab keinen Kollegen, der es verteidigt hätte.