Biografie Eine starke Liebe zu Deutschland

Heike Görtemaker porträtiert die große Journalistin Margret Boveri

Kennt noch jemand ihren Namen? Die Jüngeren wohl kaum. Das ist schade. Margret Boveri, Schriftstellerin und Journalistin, war eine bedeutende Frau. Als sie vor dreißig Jahren, 75-jährig, starb, erinnerte Rolf Michaelis in dieser Zeitung an sie, »diese große Journalistin, der jetzt Feierworte nachgerufen werden, musste ins Feuilleton und in die Literaturkritik emigrieren, weil sie bis in die letzten Tage Schwierigkeiten hatte, ihre oft unbequeme politische Meinung zu äußern«. Die unbequeme Meinung: Margret Boveri gehörte nach dem Krieg zu denen, die den Kurs der jungen Bundesrepublik für falsch hielten, sich einseitig an den Westen zu binden. Sie setzte auf ein Deutschland und Europa, das zwischen den Amerikanern und Russen ein »Drittes, Eigenes setzen könnte«. Es wurmte sie, ihre Meinung nicht im politischen Teil der gedruckt zu sehen, die Zeitung, die sie als Mitarbeiterin bezahlte.

Heike B. Görtemaker – und das ist wirklich zu loben – hat sich der fast Vergessenen angenommen. Aus ihrem Leben formte sie eine Dissertation, die nun als Biografie daherkommt mit einem Anmerkungsapparat von hundert Seiten – schlichte Quellenhinweise in der Regel –, der den Leser schier erschlägt. Was für eine Fleißarbeit! Wahrlich eines Doktorhutes würdig!

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Die Heutigen interessiert an Margret Boveri vor allem eins: Wie konnte sie, die so begabt, weltoffen und kritisch war, just in dem Augenblick den Beruf einer Journalistin wählen, als die Nazis zur Macht kamen, die Presse gleichschalteten und sie zu einem Instrument ihrer Propaganda machten? Warum emigrierte sie nicht in das Land ihrer Mutter, die in den USA als angesehene Biologin lebte und lehrte? Steht ihr Fall beispielhaft für viele Journalisten des »Dritten Reiches«, die stärker an der Karriere hingen als an der Wahrheit, wie es in einem Porträt über sie vor nicht allzu langer Zeit hieß?

Margret Boveris Feld war die weite Welt der Außenpolitik. Hier fühlte sie sich sattelfest. Ihre Analysen und Reportagen wurden gern gelesen, ihre Reisebücher verkauften sich gut. Im Berliner Tageblatt verlangte der Chefredakteur nach »lauter Boveris, und wir könnten eine unwiderstehliche Zeitung machen«. Es waren ihr Stil und die Art, ihre Artikel mit historischen Bezügen anzureichern, die ihm gefielen.

Im Juli 1933 schrieb sie in einem Brief, schockiert über das Vorgehen der Nazis nach dem Reichstagsbrand: »Wenn ich mich vom Auswandern zurückhalte, obwohl mir hier jeder Tag nur Trauer und Qual ist, dann nur, weil ich glaube, daß es nur anders werden kann, wenn wir nicht Gleichgeschaltenen da bleiben und diese ganze Bitternis in uns aufnehmen.« Sie empfand sich als Deutsche, trotz ihres mütterlichen amerikanischen Erbes, und als Patriotin, die nicht fahnenflüchtig werden dürfe. Das Maß an notwendiger Anpassung, das von einem bürgerlichen Journalisten verlangt wurde, nahm sie dabei bewusst in Kauf. Als im Sommer 1943 allerdings ein ihr aufgetragener Artikel über die »Judenfrage« in Amerika in der Frankfurter Zeitung erschien, war sie außer sich. Sie hatte den Artikel aus Lissabon nach Frankfurt telegrafiert mit der Bemerkung: »Keine Änderung ohne vorherige Rückfrage.« Doch ein Zusatz, der schon sprachlich nicht zum Stil Boveris passte, wie Heike Görtemaker feststellt, gab dem Artikel den Tenor, der politisch gewünscht war. »Ich liege jede Nacht wach darüber und brenne vor Zorn«, schrieb Margret Boveri an eine Freundin.

Konsequenzen allerdings zog sie nicht. Sie blieb ihrem Beruf treu. Und sie blieb in Deutschland. In einem der vielen Gespräche mit Uwe Johnson, dem Schriftsteller aus Mecklenburg, die dieser in den sechziger Jahren mit ihr führte und die in ihrer Biografie Verzweigungen wiedergegeben wurden, antwortete sie dem insistierenden Johnson: »Ich hatte wohl eine sehr starke Liebe zu Deutschland … und das Gefühl, daß man sein Land gerade dann nicht verläßt, wenn es ihm schlecht geht.«

Es zog sie im Frühjahr 1944 nach ihren diversen Auslandsposten zurück nach Berlin, in die vom Krieg schon arg zerstörte Stadt. Hier schrieb sie für Das Reich, zwei, drei Artikel im Monat, vorwiegend über amerikanische Politik und Geschichte. In die Redaktion trat sie nicht ein, vielmehr arbeitete sie an einem Reisebuch Im Krieg um die Welt, das allerdings nie veröffentlicht wurde. Ihr Schweizer Verleger hielt es nicht mehr für opportun, das Manuskript zu drucken.

In Berlin sah sich Margret Boveri als Beobachterin und Chronistin. Einer Schweizer Freundin schrieb sie im März 1945: »Was sich in Berlin ereignen wird, wird symbolisch sein für das Ganze, und dies mitzuerleben, bin ich doch zurückgekommen.« Sie war eine große Briefschreiberin. In Rundbriefen an ihre Freunde notierte sie das Geschehen der letzten Monate vor Kriegsende. Diese privaten Briefe und Notizen von Februar bis September 1945 sind aufregend zu lesen, weil sie auch Gefühle, Ängste und Hoffnungen wiedergeben. Margret Boveri kann die Journalistin in sich nicht verleugnen, wenn sie minutiös den Kampf ums Überleben schildert, die Jagd auf Lebensmittel, den Einzug der Russen und schließlich der westlichen Alliierten. Erst nach 23 Jahren entschließt sie sich, diese Briefe und Notizen zu veröffentlichen. Im vergangenen Jahr druckte sie Wolf Jobst Siedler junior in seinem gerade gegründeten Verlag nach, versehen mit einem einfühlsamen Vorwort von Egon Bahr, der jene Monate in Berlin ebenfalls erlebt hat. Aus der Fülle der Erinnerungsliteratur ragt dieses Buch hervor. Deshalb sei es jedem, der sich ein Bild jener Zeit machen will, ans Herz gelegt.

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