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Fortsetzung von Seite 45

Wolfgang Engler hat ein außergewöhnliches Buch geschrieben: radikal im Denken, groß in seinem politischen, ja utopischen Anspruch, in einer kraftvollen und doch eleganten Sprache, weit in seinen geistigen Horizonten, zu dem zentralen Thema der Zeit. Dem Soziologen von der Schauspielschule Ernst Busch in Berlin ist ein großer Wurf gelungen, und das gilt ganz unabhängig davon, ob man ihm nun in allem zu folgen vermag oder nicht. Hier ist ein Denker, der buchstäblich aufs Ganze, an die Wurzel der Dinge geht:

»Wir leben in einer Zeit des Übergangs, der kulturellen Doppelherrschaft, in einer kritischen Epoche. Die Maßgaben der Lohnarbeitsgesellschaft behaupten ihre Vorherrschaft über das Denken, Handeln und Dasein der Menschen, obwohl der Produktionsprozeß sie unaufhörlich unterhöhlt, anachronistisch werden läßt; sie behaupten sie desto verzweifelter und hartnäckiger, je deutlicher dieser Anachronismus zu Tage tritt und nach einem neuen kategorialen System verlangt.«

Der Titel bringt bereits die von ihm geforderte Neugestaltung der Gesellschaft auf den Begriff: Bürger, ohne Arbeit. Entscheidend ist das Komma. In ihm steckt die doppelte These: Der Arbeitsgesellschaft gehe die Arbeit, vor allem die »gute Arbeit« aus. Der Dreiklang Produktivität, Wachstum, Beschäftigung stimme nicht mehr. Vollbeschäftigung, wie wir sie kannten, ob im Osten oder im Westen, werde es nicht mehr geben. Das ist die empirische Seite seiner Argumentation. Wichtiger aber ist ihm der normative Aspekt: den Menschen als Bürger von der Arbeit zu emanzipieren. Diesem Ziel soll ein »bedingungsloses Grundeinkommen« dienen. Engler versteht dieses »Bürgergeld« als ein »Geld, das den Bürger sozial begründet, das den MENSCHEN im Bürger fraglos anerkennt«, im Unterschied zum »Bürger, der sich durch GELD begründet, im GELD erkennt«, also zum Bürger als Eigentümer.

Man kann diesen Entwurf nun ganz gewiss in vielerlei Hinsicht kritisieren, etwa den statischen Begriff von einem gegebenen Arbeitsvolumen, das es nur gerecht zu verteilen gelte, oder auch die scharfe Unterscheidung zwischen Besitz und Bürgerrolle: Zur Bilanz des Wohlfahrtsstaates gehört ja auch die Erkenntnis, dass ein garantiertes Einkommen die Menschen nicht automatisch zu freien und sozial verantwortlichen Bürgern macht, wie auf der anderen Seite Eigentümer borniert sein können aber nicht müssen. Der Autor konzentriert sich auf die Verteilungsfrage, unterschätzt den sozialen und wirtschaftlichen Sinn von Eigentum, überhaupt die ökonomischen Gesetze, die Wohlstand erst schaffen, wenn anders das Bürgergeld mehr sein soll als ein Minimum. Sein Bild des Unternehmers »als eines der Gesellschaft verantwortlichen Funktionärs der Reichtumsproduktion« ist sprachlich und konzeptionell merkwürdig blass und bürokratisch. Auf der anderen Seite schadet kaum etwas jungen Menschen mehr, als wenn sie längere Zeit mit der Arbeitsgesellschaft nicht in Berührung kommen: Daran vermag auch ein großzügiges Bürgergeld nichts zu ändern.

Engler setzt sich mit diesen und anderen Einwänden ausführlich auseinander, unterläuft sie aber auf eine doppelte Weise: einmal durch eine soziale Ontologie und zum andern durch eine optimistische kulturelle Anthropologie. Das Bürgergeld liege letztlich im Wesen, im Sein, in der Natur des Menschen begründet. Das Bürgergeld formuliert »einen utopischen Anspruch. SEIN Bürger ist weder Bourgeois noch Citoyen, weder das Verträge schließende noch das politisch engagierte Subjekt, vielmehr das ihnen Zugrundliegende, SUBJECTUM, der Mensch mit seinen vitalen Bedürfnissen, in seinem Angewiesensein und Bezogensein auf seinesgleichen. Jeder und jede ist sozial immer schon gegründet, in die Gesellschaft eingebettet.«

Das Naturrecht freilich, ob es nun philosophisch, theologisch oder sozial begründet wird, ist eine problematische Größe, es hat in der Geschichte schon viel Unrecht rechtfertigen müssen, von der Sklaverei damals bis zur Diskriminierung von Frauen heute. Ähnlich verhält es sich mit seiner optimistischen Anthropologie, die er in der Tradition von Aristoteles und Hannah Arendt mit großer Leidenschaft vorträgt. Gewiss: Ohne einen idealistischen Vorgriff, der von einem positiven und umfassenden Bild menschlicher Fähigkeiten und Aktivitäten ausgeht, lassen sich weder die Demokratie im Allgemeinen noch die postindustrielle Arbeitsgesellschaft im Besonderen angemessen beschreiben. Für seinen Feldzug gegen die »Priester der Arbeitsreligion« sprechen ebenso gute Gründe wie für seine Kritik an dem »kulturellen Dogma unserer Zeit«, nämlich der Gleichsetzung von Arbeit und menschlichen Tätigkeiten.