Der im Jahre 1923 in Nowoarchangelsk geborene Wladimir Gelfand meldete sich 1942 als 19-Jähriger freiwillig zur Roten Armee, um sein Vaterland zu verteidigen. Der politisch interessierte junge Mann, der eigentlich Schriftsteller werden wollte, war ein überzeugter Kommunist. Er lobte Stalin in den höchsten Tönen. Allerdings brachte er auch dem amerikanischen Präsidenten Franklin D. Roosevelt seine allergrößte Hochachtung entgegen. Den Obersten der Roten Armee Antonow, den andere nicht mochten, weil er ein Zigeuner war, betrachtete Gelfand ohne jedes Vorurteil als einen Helden. In General Wlassow dagegen, der zu den Deutschen übergelaufen war, sah er einen "widerlichen Verräter". Nichts auszusetzen fand er an der Praxis, dass Rotarmisten, die sich selbst verstümmelten und dadurch dem Kriegsdienst zu entziehen versuchten, erschossen wurden. Die aufregenden Gerüchte über ein deutsches Frauenbataillon, das im Februar 1945 angeblich in russische Gefangenschaft geraten war, hielt er für bare Münze. Nach seiner Meinung hätte man diese Frauen "ohne Erbarmen hinrichten" sollen.

Vor uns haben wir das Tagebuch eines Leutnants der Roten Armee, der 1945 und 1946 in Polen und Brandenburg gegen die Wehrmacht kämpfte und dann im Raum Berlin als Besatzungsoffizier eingesetzt war. Manchem historisch interessierten deutschen Zeitgenossen werden sogleich die aufsehenerregenden Aufzeichnungen der anonymen Frau aus Berlin wieder einfallen, die 2003 veröffentlicht wurden (ZEIT Nr. 24/03).

Die Anonyma hatte ihre Erlebnisse mit Angehörigen der Roten Armee in den Wochen von April bis Juni 1945 festgehalten und dabei auch über die fließenden Grenzen zwischen Vergewaltigung und Prostitution geschrieben. Nun wird also erstmals ein authentisches Tagebuch aus der Feder eines sympathischen russischen Soldaten veröffentlicht. Bestätigt er, dass sich die Rotarmisten im besetzten Berlin insbesondere durch die Vergewaltigung wehrloser deutscher Frauen hervorgetan haben?

Das Tagebuch bietet zunächst einmal aufschlussreiche Einblicke in das Innenleben der Roten Armee während der letzten Kriegsphase und in der Besatzungszeit bis 1946. Zunächst, im Krieg, diente der junge Leutnant Gelfand als Zugführer in einer Granatwerferkompanie. Obwohl er bei den Kämpfen an der Oder mehrfach an vorderster Front gegen die "Fritzen" gekämpft hatte, erhielt er zu seiner großen Enttäuschung keine militärischen Orden. Offenbar suchten die raubeinigen Truppenoffiziere den feingliedrigen jungen Mann auf diese Weise zu distanzieren. Denn es blieb ihnen nicht verborgen, dass Gelfand ständig irgendetwas aufschrieb: Briefe, Tagebuch, Gedichte, Artikel für Feldzeitungen. So viel Intellekt kam nicht an in einem Milieu, das von Kampfgeist, Wodka, Schlendrian und Gewalttätigkeiten auch gegenüber Kameraden und Vorgesetzten geprägt war. Hohn und Spott musste der aus der Ukraine stammende Gelfand in seiner Truppe auch wegen seiner jüdischen Herkunft erleiden.

Mit einigem Erstaunen liest man, wie frei und selbstbewusst sich dieser Offizier der sowjetischen Besatzungsstreitmacht, der rasch die deutsche Sprache gelernt hatte, nach Kriegsende im Berliner Raum bewegen konnte. Zumeist war er mit öffentlichen Verkehrsmitteln unterwegs. So kam er mit vielen Deutschen in Kontakt und versuchte, in deren Köpfe zu schauen. Seine Urteile über die Deutschen sind ambivalent. Manche fand er sympathisch, andere, die ihren Herrenmenschendünkel noch immer nicht abgelegt hatten, stießen ihn ab. Ebenso ambivalent äußerte er sich allerdings auch über die russischen Soldaten.

Ein Vergewaltiger war Leutnant Wladimir Gelfand nicht. Vielmehr scheint er ein außergewöhnliches Talent als Schürzenjäger gehabt zu haben. Der gut aussehende junge Mann mit schwarzen Haaren, einem intelligenten, fein geschnittenen Gesicht, eitel und selbstverliebt, konnte sich offenbar vor den Aufmerksamkeiten junger russischer und deutscher Frauen kaum retten. Blicke und Herzen scheinen ihm nur so zugeflogen zu sein.

Die offenherzigen Schilderungen seiner vielseitigen Frauenbekanntschaften im besiegten Deutschland der Jahre 1945 und 1946 machen einen beträchtlichen Teil seiner Tagebucheintragungen aus. Daneben interessierten ihn Konsumartikel, die es in Russland nicht gab. Unter den Waren, die er in Berlin einkaufte und seinen Verwandten nach Hause schickte, waren Uhren, Kameras, Rundfunkempfänger, Kleider, Schuhe, Stoffe und Konservenbüchsen.

Den Rang des Tagebuchs des deutschen Soldaten Willy Reese (ZEIT Nr. 40/03), der mit unübertroffener Eindringlichkeit schilderte, wie er sich durch die Unmenschlichkeit des Krieges "selber seltsam fremd" wurde, haben die Aufzeichnungen Wladimir Gelfands nicht. Was sie für deutsche Leser interessant macht, ist der andere Blick auf das Jahr 1945, der uns anregt, eigene Vorurteile zu überprüfen.