Der Mann steht unter Druck, die Anspannung ist immens. Solange er spricht, sitzt er nicht still. Es beginnt in den Füßen, die unablässig auf und nieder wippen, setzt sich fort in den Beinen, die mal links, mal rechts übereinander geschlagen werden. Der Rumpf rutscht auf dem Stuhl vor und zurück. Der Oberkörper dreht und wendet sich, die Finger trommeln auf den Tisch. Der ganze Körper redet mit.

Der Mann ist Ungarns Ministerpräsident. Er war ein überaus erfolgreicher Unternehmer, gilt als ruhig, entschlossen, pragmatisch, kämpferisch und intelligent. Mit ihm, sagen seine Anhänger, sei nach anderen Ländern Osteuropas auch in Ungarn endlich eine neue, frische Generation an die Schalthebel der Macht gerückt. Aber warum ist er so nervös? Hat der Mann einen schlechten Tag?

Ferenc Gyurscány spricht über die ungarische Wirtschaft. Er redet – klug und abgewogen – über die ungarische Gesellschaft. Er sagt, mit ihm wage Ungarns postkommunistische Linke einen Neuanfang, einen, in dem das Volk nicht mehr betrogen werde. Er erzählt von seiner Mutter, die ihn davor warnte, in die Politik zu gehen, er berichtet von den Verlockungen der Macht. Auf eine ziemlich unpolitisch anmutende Weise ist Ferenc Gyurscány offen und sehr ehrlich.

Aber der Druck. "Der Druck auf ihn muss gewaltig sein", meint nach dem Gespräch im Budapester Parlamentsgebäude ein ungarischer Begleiter.

Ferenc Gyurscány kam durch einen innerparteilichen Putsch in sein Amt – einem allerdings, an dem er nicht beteiligt war. Politik hat der 43-Jährige nicht gelernt, in die Partei ist er erst vor fünf Jahren eingetreten. Aber als es im vergangenen August darum ging, einen Nachfolger für den in Ungnade gefallenen Premier Péter Medgyessy zu finden, setzte er sich durch, gegen das Votum des Vorstands der regierenden sozialistischen MSZP. Gerade den jungen Parteimitgliedern galt Gyurscány als der beste Kandidat: als einer der wenigen konzeptionell denkenden Politiker Ungarns, als Mann vor allem, der bei den nächsten Parlamentswahlen im Jahr 2006 gegen den Populisten Viktor Orbán und seine rechte Fidesz-Partei gewinnen kann. Als Mann mit neuen Ideen.

Im Rest Europas sind diese Ideen so neu nicht, bei Ungarns Sozialisten schon. Bereits Ende der neunziger Jahre veröffentlichte Gyurscány scharfsinnige Analysen, in denen er von der Notwendigkeit schrieb, einen ungarischen "dritten Weg" zu finden. Schon vor dem Parteiputsch wurde er der "Tony Blair von Ungarn" genannt, in seinen Auftritten danach war viel von "Rechten", "Pflichten" und "Chancen" die Rede. Es könne nicht darum gehen, "mehr" zu verteilen, es müsse "fairer" verteilt werden, sagte der Premier bei seiner ersten Ansprache im Parlament. Nur leere Worthülsen?

Wenn Gyurscány redet, spricht oft der Unternehmer. Es spricht ein Mann, dem das Ende des Kommunismus und der Übergang zur Marktwirtschaft die Chance bereitete, sehr viel aus sich zu machen. Sein Geld hat Gyurscány als Chef einer Kapitalgesellschaft verdient, die Unternehmen im Aluminium- und Gummisektor besitzt und Beteiligungen an Firmen in Rumänien und Serbien hält. Auch mit Immobilien machte er gute Geschäfte. Bevor er in die Politik einstieg, stand Gyurscány auf den Listen der reichsten Ungarn ungefähr auf Rang 50.