Im Mittelpunkt moderner Geschichtswissenschaft stehen längst nicht mehr die Schlachten und Staatsaktionen der gekrönten Häupter – so möchte man meinen. Spätestens seit der historiografischen Revolution, die mit dem Namen Annales verbunden ist, gelten Biografien nur dann noch als interessant, wenn sie sozial- und mentalitätsgeschichtlich eingebettet sind, das heißt, wenn sie Probleme analysieren, statt bloß – von der Wiege bis zur Bahre – ein Leben zu "erzählen". In Sachen Napoleon hat dafür bereits 1935 der französische Historiker Georges Lefebvre einen Versuch gewagt, und siebzig Jahre später darf man hoffen, dass die Geschichtsschreibung zu noch subtileren Analysen in der Lage ist.

Umso gespannter nimmt man die umfangreiche Napoleon-Biografie zur Hand, die Johannes Willms, lange Jahre Feuilleton-Chef der Süddeutschen Zeitung und nun deren Kulturkorrespondent in Paris , soeben vorgelegt hat. Während der Verlag das Buch erwartungsgemäß zum Ereignis stilisiert ("Napoleon kommt!") und ein "grandioses Porträt ankündigt", in dem der Autor "alle Register der biografischen Kunst" ziehe – von der Verlosung einer Elba-Reise unter bestellfreudigen Buchhändlern ganz zu schweigen –, hält sich Willms selbst überraschend bedeckt: Kein Vorwort oder Nachwort gibt Auskunft über seine An- und Absichten; nirgends berichtet er explizit über den aktuellen Forschungsstand oder die eigene Fragestellung. Dabei ist bekannt, dass über keinen Diktator, mit Ausnahme Hitlers, so viel geschrieben wurde wie über Napoleon. Fast jeder Tag in seinem Leben wurde recherchiert. Jede neue, anspruchsvolle Gesamtdarstellung muss sich daher an ganzen Bibliotheken messen lassen.

Immerhin gibt uns Willms einen Fingerzeig, indem er seinem Werk ein Motto voranstellt, das eindeutiger nicht sein könnte. Es stammt von Jacob Burckhardt und atmet den geschichtsphilosophischen Duft des 19. Jahrhunderts: "Die Geschichte liebt es bisweilen, sich auf einmal in einem Menschen zu verdichten, welchem hierauf die Welt gehorcht. Diese großen Individuen sind die Koinzidenz des Allgemeinen und des Besonderen, des Verharrenden und der Bewegung in einer Persönlichkeit." Merkwürdig, dass derlei Verwechslung von Realobjekt und Gedankenobjekt, die heute in jedem Proseminar gerügt würde, den Autor nicht zu stören scheint. Im Gegenteil, dies ist tatsächlich die Brille, durch die er uns auf das Leben des kleinen Korsen blicken lässt, und damit erklärt sich die traditionelle Gliederung seines Buches: 1. Teil: Der Zauberlehrling, 2. Teil: Der Diktator, 3. Teil: Der Imperator . Erstes Kapitel: Korsische Anfänge, allerletztes Kapitel: Das Vermächtnis von Sankt Helena . Ein komplettes Leben also, und dazwischen verdichtet sich "die Geschichte".

Natürlich ist es legitim, eine so komplexe, grandiose und groteske Figur wie Napoleon Bonaparte biografisch zu studieren. Da ist wahrlich genügend Stoff: für eine Mikro- ebenso wie für eine Makroperspektive, für eine psychoanalytische Interpretation ebenso wie für eine Gesellschaftsgeschichte. Jede Historikergeneration muss sich daran versuchen. Da außerdem das Quellenmaterial weitgehend erschlossen ist, erfordert dies nicht einmal eigene Archivstudien. Allerdings setzt es erstens eine kritische Neulektüre der umfangreichen Memoirenliteratur voraus, die ja meist apologetisch ist, sowie zweitens die Einbeziehung der neuesten Forschungen und Methodologien. Dass die Geschichtsschreibung – und zumal die Biografik – in den Augen vieler Laien bis heute eher als Kunst denn als Wissenschaft erscheint, ändert nichts an diesen Maßstäben.

Schlacht reiht sich an Schlacht, Staatsaktion an Staatsaktion

Leider hat Willms solche Zumutungen weitgehend beiseite geschoben. Er erzählt ganz einfach das Leben seiner Figur – wie ein realistischer Romancier des 19. Jahrhunderts. Sein Blick, sein einziger Scheinwerfer, ist allein auf die Hauptfigur gerichtet: darauf, was Napoleon gerade tut, was er gerade denkt, was er gerade will. Ja, der Autor weiß sogar, was er gerade fühlt. Seitenlang zitiert er aus Briefen und Memoiren, so, als ob man das alles wörtlich nehmen und im Namen "der Geschichte" zusammenfügen dürfte. Notfalls kommt ihm die Einfühlung zu Hilfe: "Abends drängte man sich dann froststarr und wortkarg ums Biwakfeuer, und manch einer lauschte bang dem Wolfsgeheul in der Ferne." So gesehen, hätte diese Biografie schon vor fünfzig oder hundert Jahren geschrieben werden können: Schlacht reiht sich an Schlacht, Staatsaktion an Staatsaktion. Keine Brüche, keine Paradoxien, keine Orts- oder Perspektivenwechsel, wie sie ja nicht nur in der modernen Literatur, sondern auch in der problemorientierten Geschichtswissenschaft durchaus anzutreffen sind – man denke nur an die großartige Biografie Ludwigs des Heiligen von Jacques Le Goff.

Der traditionellen Schreibweise und der gelegentlich etwas altertümelnden Sprache – vor allem in den Übersetzungen französischer Zitate ("bedünkt") – entsprechen die in die laufende Erzählung eingewobenen Interpretationen und Kommentare. Eine explizite These oder gar Theorie wird man vergeblich suchen. Die in der Napoleon-Literatur so reichlich vorhandenen Interpretationsangebote werden an keiner Stelle gegeneinander abgewogen. Was etwa Autoren wie Ranke oder Marx, Bismarck oder Freud und erst Recht Historiker wie Werner Hegemann oder Walter Markov, der Niederländer Jacques Presser oder die Franzosen Lefebvre und Tulard, um nur wenige zu nennen, an pointierten Hypothesen formuliert haben, bleibt den Lesern vorenthalten. Stattdessen bedient sich der Autor einer Vulgärpsychologie, wie sie in einem Zeitungsartikel noch durchgehen mag, in einem solchen Buch aber unangenehm überrascht. "Machthunger", "Machtbesessenheit" und "Machtwahn" lauten die Schlüsselbegriffe. Dabei ist dem historischen Verständnis wenig gedient, wenn es beispielweise heißt: "Napoleons Machtwahn, der seit Tilsit sein Planen beherrschte, hatte sich mehr und mehr seinem Wesen eingeprägt." Bonaparte erscheint als ein "Hasardeur", der wie ein Spieler von einem "Dämon" getrieben wird, sich aber andererseits "instinktiv opportunistisch" verhält. So kann der Autor sowohl die spektakulären Erfolge als auch die Misserfolge und schließlich den Untergang seines Helden erklären – wenn auch nur "psychologisch".

Wie viele Historiker vor ihm betont Willms die "Bindungslosigkeit" des Parvenüs, der es wagte, mit aller Brutalität die Macht zu erobern, um sie für sich und seinen Clan auszubeuten. Doch sollte man nicht endlich – immerhin schreiben wir das Jahr 2005! – einen Schritt weiter gehen und nach den individuellen oder kollektiven Ursachen fragen, die dieses Aufsteigertum zuallererst bedingten? Freud hat dazu eine Hypothese gewagt: die Hassliebe gegenüber dem älteren Bruder als dem eigentlichen Familienoberhaupt. "Hunderttausende gleichgültiger Individuen", schrieb er an Thomas Mann, "werden dafür büßen, dass der kleine Wüterich seinen ersten Feind verschont hat." Wer dieser psycho-historischen Spur nicht folgen will, mag sich anderen Themen zuwenden und zum Beispiel das mafiöse Netzwerk des Bonaparte-Clans studieren. Oder die Geschäfte der Kriegsgewinnler. Oder das Elend der einfachen Bürger und Dörfler, wenn die Grande Armée durch Europa zog. Oder die Kriegsverbrechen auf beiden Seiten. Oder das Ländergeschacher der Diplomaten. Die Liste der echten Probleme ist fast beliebig verlängerbar. Vieles kommt in dieser Biografie auch durchaus vor, denn Johannes Willms ist kein Beschöniger, und sein Napoleon-Bild ist äußerst kritisch. Aber leider dient es immer nur der Dekoration für einen Lebenslauf, der ganz und gar durch politische und militärische Großereignisse strukturiert zu sein scheint. Ebendiesen falschen Schein hätte eine Napoleon-Biografie für das 21. Jahrhundert zu durchbrechen.