Europäische Union Vorbild Habsburg

Kroatien, Rumänien, Bulgarien, Türkei: Die erweiterte EU streitet über die Mitglieder der Zukunft. Nachbarn protegieren Nachbarn, und europäische Parteien kämpfen für Länder, die ihnen sympathisch sind

Václav Klaus befällt die blanke Angst um Europa. Der tschechische Präsident sieht die Gefahr, dass es sich »von Demokratie und Freiheit löst«. Gleichwohl sieht er in einem langen Gespräch mit der eine rosige Zukunft für die EU, jedoch ohne den Firlefanz einer Verfassung, ohne weitere Vertiefung. Klaus plädiert »für die größtmögliche Erweiterung: Türkei, Marokko, Ukraine, Kasachstan. Je mehr, desto besser.«

Was das wohl gibt? Der Wolkenmaler von Prag entwirft die schrullige Utopie eines neuen Habsburg, ein Vielvölkerreich, wie es die Welt noch nicht gesehen hat. In der Wirklichkeit freilich geht der EU die Sache mit der endlosen Erweiterung derzeit nicht so leicht von der Hand. Bulgarien und Rumänien sollen am 1. Januar 2007 der EU beitreten, in Kroatien wird eher an das Jahr 2009 gedacht, der Zeithorizont für die Türkei spannt sich weit ins kommende Jahrzehnt.

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Allerdings ist das alte Habsburg wieder da. Schönstes Beispiel ist der Streit um die Beitrittsverhandlungen mit Kroatien. Österreicher und Ungarn, Slowaken und Slowenen, also die Habsburger, sprangen ihren Kroaten bei und pochten darauf, dass die Europäische Union an diesem Donnerstag wie geplant die Beitrittsgespräche mit der Zagreber Regierung aufnehme. Einspruch, riefen Franzosen, Italiener, Briten, und widerspenstig zeigten sich auch die Brüsseler Kommission und die EU-Ratspräsidentschaft aus Luxemburg. Erst müssten die Kroaten, wie versprochen, den untergetauchten, mutmaßlichen Kriegsverbrecher General Ante Gotovina an das Den Haager UN-Gericht ausliefern. Ebendies hat die EU am Dienstag beschlossen.

Manche EU-Mitglieder wollen an Kroatien ein Exempel statuieren, damit Serbien, ja der ganze Balkan sich nicht ein schlechtes Beispiel nimmt und ungeniert von Beitritt träumt, während die Kriegsverbrecher sich im Belgrader Café lümmeln, statt im Haager Gerichtssaal zu sitzen. »Kein General, keine Verhandlungen«, bringt das ein EU-Diplomat auf den Punkt. Da werde es keine Überraschung geben, warnt Jean Asselborn, der luxemburgische Vorsitzende im Ministerrat der EU: »Nur unter dieser Bedingung können die Verhandlungen beginnen.«

Kroatiens Premierminister Ivo Sanader blieb die Antwort nicht schuldig: Jeder Aufschub würde nur die Euroskepsis nähren und der extremen Rechten in seinem Lande nutzen. Man solle sich die jüngsten Eurobarometer-Umfragen anschauen, nur noch 30 Prozent seiner Landsleute glaubten, dass eine EU-Mitgliedschaft gut für Kroatien sei. In Brüsseler Kreisen löste eine andere Umfrage heftige Kopfschmerzen aus: Da erklärten 80 Prozent der Kroaten den flüchtigen Kriegsverbrecher zum Nationalhelden.

Kroatien ist nicht das einzige Land, das sich derzeit schwer tut mit der versprochenen EU-Beitrittsperspektive. Rumänien strauchelt im Kampf gegen die Korruption. Die Türkei führt den Kameras vor, wie weit ihre knüppelnden Ordnungshüter noch von europäischen Werten entfernt sind. Und selbst den Bulgaren, derzeit die Musterknaben in der Vorschule der Union, weil sie alle Hausaufgaben in den Verhandlungen bereits erledigt haben, hallt noch in den Ohren, was das Europäische Parlament im Dezember unter sein Lob mischte: Sofia müsse sich im Kampf gegen Organisierte Kriminalität, Menschenhandel und Korruption endlich mehr anstrengen. Klang irgendwie nach einem drohenden »Sonst«.

Leser-Kommentare
  1. Es ist an sich gleichgültig, welcher zur EU beitrittswillige Staat bis zu welchem Zeitpunkt welche Beitrittskriterien erfüllt: NIEMAND kann zur Zeit der EU beitreten.

    Vor Aufnahme irgend eines neuen Mitglieds müssen INNERHALB der EU gewisse Vorbedingungen erfüllt sein:

    - Eine (inzwischen neu zu schreibende) Verfassung muss verbindlich für alle EU-Mitglieder gelten und den Weg zu einem Bundesstaat zumindest nicht blockieren.

    Denn nur als Bundesstaat wird die EU (wegen ihrer dann etablierten inneren Stärke) dem durch kein "sozialistisches" "Weltsystem" (es war nie sozialistisch und nie ein Weltsystem, jagte dem Kapital aber dennoch große Angst ein) mehr gebremsten Räuberkapitalismus irgend etwas entgegen setzen können.

    - Die EU muss sich klar werden darüber, wo eigentlich ihre Grenzen sind und wer also folglich keinesfalls aufgenommen werden kann.

    Denn wenn die EU nur attraktiv genug wäre, könnte sie die Heimat nahezu aller ihrer Politik- und Handelspartner werden.
    Geographische Grenzen sind sicher nicht entscheidend, aber doch nicht bedeutungslos.
    Ich persönlich hielte etwa die Einbeziehung des gesamten Mittelmeerraums in die EU für richtig, weil ich glaube, dass dieser Raum spätestens seit der Antike durch das Mittelmeer nicht getrennt, sondern verbunden wird.
    Zugleich jedoch zweifle ich: denn gehören südliche und östliche Küste des Mittelmeers wirklich zu Europa? Oder sind sie Europa zwar eng verbundene, aber doch von ihm getrennte Regionen, zu denen es dann ein besonderes Verhältnis geben müsste?

    - Vor Aufnahme irgend welcher neuer Mitglieder müssten jedoch ohnehin die letzten "neuen" erst einmal wirklich "verdaut" sein.

    Denn die kulturellen und politischen Differenzen zwischen den Alt- und den Neumitgliedern sind bis heute noch so ungeheuer groß, dass sie jeder Zeit sogar die gesamte EU noch sprengen könnten - und dies, anlässlich des Irak-Krieges, auch fast getan hätten.

    Der Grundgedanke der EU krankt an seiner konservativen Grundidee der Gründerjahre: Wenn es denn nur gelänge, die Grenzzäune einzureißen (wie das Kohl und andere in ihrer Jugend mit Brandsätzen ja wirklich getan haben), dann gelänge es eben auch, zumindest für Europa so etwas wie den "ewigen Frieden" zu produzieren.

    Das hat unter den Bedingungen des Kalten Kriegs auch wirklich funktioniert. Es hat jedoch, wie Bohrer es genannt hat, etwas durchaus "knabenhaftes" - weil es eben die Differenzen unter den Mitgliedern voluntaristisch einfach ausblendet.

    Nun, wo die eiserne Klammer des Kalten Kriegs nicht mehr da ist, brechen selbst unter den Altmitgliedern der EU die alten und zahlreiche neue Gegensätze wieder auf.

    Ehe die nicht gelöst sind, wird es nicht einmal ein Weiterbestehen der EU geben - außer als vollkommen unverbindlicher Freihandelszone, deren einziger Zweck es wäre, die Gesetze des Kapitals rücksichtslos durchzusetzen.
    Und ehe sie nicht gelöst sind, ist jede Erweiterung der EU nach dem "Big Bang" der Anfang vom Ende der EU.

    Die Verhandlungen etwa mit der Türkei müssen nicht deswegen noch mindestens anderthalb Jahrzehnte andauern, weil die Türkei mit der EU, sondern weil die gegenwärtige EU auf eher drei als zwei Jahrzehnte mit sich selbst inkompatibel ist.

    Jede denkbare Erweiterung der EU ist eher ein Projekt für die zweite Hälfte der ersten des Jahrhunderts.
    Alles andere wäre von Übel.

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