Blindband nennt man ein textloses Modell-Buch, an dem ein Autor Format und Einband eines neuen Druckwerks begutachten kann. Martin Walser benutzt solche Blindbände seit Jahrzehnten als literarische Tagebücher, deren Skizzen dann das Quellgebiet seiner Romane bilden. Dass Walser sein Werk in der schützenden Leerform anderer Werke keimen lässt - als erfinde sich die Literatur ganz und gar aus sich selbst heraus immer wieder neu -, ist eine überraschende, weil trotzig poetische Geste dieses Autors, bei dem Werk und Welt sich doch so oft gegenseitig einmischen. Martin Walser. Nichts ist ohne sein Gegenteil wahr heißt eine Ausstellung über Reifen und Wirken des Schriftstellers im Münchner Literaturhaus. Briefe und Manuskripte, Leihgaben des Autors, sind durch etliche Film- und Tondokumente zu einer lebendigen Walser-Revue ergänzt (im Nebenraum werden zusätzlich Walser-Verfilmungen vorgeführt). Besonders geht der Kurator und Walser-Biograf Jörg Magenau gegen die simple Verschlagwortung Walsers in der medialen Öffentlichkeit an.

Deshalb sieht man die mutige Polen-Reportage des jungen Fernsehreporters Walser von 1957 - gegen die seinerzeit Vertriebenenverbände protestierten, weil Walser Polen kommentarlos in den Grenzen von 1945 darstellt. Deshalb wird an den linken, gegen den Vietnamkrieg engagierten Walser erinnert. Und an Walsers vielschichtige literarische Auseinandersetzung mit der deutschen Vergangenheit: Sein Auschwitz-Essay anlässlich der Frankfurter Prozesse 1964 ist als Kontrast gegen die heikle (in gesamter Länge zu sehende) Friedenspreis-Rede von 1998 gesetzt. Schließlich aber liegen in der letzten Vitrine der Schau zwei jener randvoll beschriebenen Blindbände. Zwei von inzwischen 46 Tagebüchern, die ein literarisches Werkstattgespräch, das den Namen verdient, filmisch illustriert. Und man spürt: Hier, in den Tagebüchern, fern der Skandälchen und Debatten, ruht das künstlerische Kraftzentrum dieses Schriftstellers (bis 1. Mai).