Tel Aviv

Ariel Scharon wusste genau, worauf er sich einließ, als er die ehemalige Staatsanwältin Talia Sasson mit einem Bericht über wilde Siedlungen im Westjordanland beauftragte. Niemand hat dort ernsthaft versucht, Recht und Ordnung durchzusetzen, heißt es dort. Die so genannten Außenposten, die auch nach israelischem Gesetz illegal sind, konnten so sprießen, ohne dass ihnen jemand Einhalt geboten hätte. Im Gegenteil: Sie wurden von offizieller Stelle sogar noch gefördert.

Das Muster war immer das gleiche: Eine Hand voll radikaler Siedler lässt sich auf eigene Faust in ein paar Wohncontainern auf einem einsamen Hügel nieder.

Zunächst ohne Strom, ohne Wasser, ohne Telefon. Nach einer Weile werden sie ans öffentliche Dienstleistungsnetz angeschlossen, und oft schützt sogar die Armee diese ungenehmigten Camps. Wenn es vereinzelt unter heftigen Protesten zu Räumungen kommt, dauert es nicht lange, bis die Wohncontainer wieder dastehen.

Nach dem Sasson-Bericht sind im vergangenen Jahrzehnt insgesamt 105 solcher wilden Siedlungen entstanden, davon 24 seit März 2001 - als Ariel Scharon erstmals zum Ministerpräsidenten gewählt wurde. Diese 24, beschloss das israelische Kabinett nun, sollen verschwinden - aufgrund der israelischen Verpflichtungen gegenüber dem (amerikanischen) Friedensfahrplan. Ein Ministerialkomitee soll sich mit der Umsetzung beschäftigen.

Einen konkreten Zeitplan für den Rückzug gibt es allerdings nicht. Ariel Scharon, der mit dem Bericht auf amerikanischen Druck reagiert hat, würde damit am liebsten bis nach dem Abzug aus dem Gaza-Streifen warten, der Ende Juli vorgesehen ist. Warum eine zweite Front im Westjordanland eröffnen, solange die Umquartierung der 8000 Gaza-Streifen-Siedler noch aussteht? Sie drohen jetzt schon mit einem nationalen Trauma, das alle weiteren Schritte in diese Richtung - sprich: die Räumung von Siedlungen im Westjordanland - vereiteln werde.

Der Sasson-Bericht signalisiert jedoch, dass die Zeiten vorbei sind, in denen die Siedler sich der Unterstützung von oben sicher sein konnten. Das israelische Fernsehen ließ es sich nicht nehmen, Scharon in den vergangenen Tagen immer wieder vorzuführen, wie er noch vor wenigen Jahren als Oppositionsführer vor der Kamera Siedlungen - auch wilde Siedlungen - als unerlässlich für die Zukunft des Staates Israel gepriesen hatte. Doch würde es zu kurz greifen, allein ihn für die Entwicklung verantwortlich zu machen.