MusikNie, nie, nie sind alle Menschen Brüder

Dieter Hildebrandts beeindruckendes Buch über Beethovens Neunte von Wolfram Goertz

Welche Ordnungszahl kann sich schon rühmen, ihren Nachbarn an Bekanntheit wolkenkratzerhoch überlegen zu sein? Es war Beethoven, der mit seinem letzten sinfonischen Werk den klassischen Kanon abschüttelte, indem er für den Finalsatz eine betörend schlichte Chormelodie ersann und über sie Schillers metaphernschweres Gedicht wölbte. Seitdem ist die als begrifflicher Nukleus der an ihrer Kippe zur Zweistelligkeit zu einem globalen Magneten geworden. Wo sie annonciert ist, rappeln volle Säle und lauert das Publikum, ob der Chor in der dünnen Luft von Beethovens vokalen Höhen noch Atem und Klang findet. Wo die ertönt, herrschen Erregung und Festtagslaune.

Das war nicht immer so, wie Dieter Hildebrandt in seinem großmeisterlichen und hellhörigen Buch Die Neunte. Schiller, Beethoven und die Geschichte eines musikalischen Welterfolgs nachweist. Hildebrandt betrachtet den Wuchs jener Anziehungskraft wie ein guter Vater. Er lässt teilnahmsvoll die seelischen Bedrängungen lebendig werden, die dem jugendlichen Dichter Schiller in der "Pflanzschule" den Atem nahmen. Und er lässt uns Beethovens politische Herzenssehnsucht spüren, der die humanistische Hypertrophie von Schillers Gedicht wie einen Kommandoauftrag in sich aufbewahrte, bis die Neunte 1824 in Wien uraufgeführt wurde. Dazwischen spannte sich die "Klammer einer Geschichtskatastrophe", von der Französischen Revolution bis zu den Karlsbader Beschlüssen.

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Als die Neunte mit ihrem ins Flammenwerferische gesteigerten Gestus erstmals erklang, war es gleich da: das unpolitische Entsetzen, das Unverständnis, die Lähmung, als habe Beethovens Taubheit auf ein verstörtes Publikum übergegriffen. Die zahm-freundlichen früheren Vertonungen von Schillers Ode waren auf einen Schlag vergessen. Jetzt musste ein "Bacchanal" ertragen oder bekämpft werden. In der Tat war es unerhört, wie sich lauter "Raketeninstrumente" über der "Gemütlichkeit" des Themas erhoben.

Beethoven hat das Gedicht Schillers, der für ihn der "unabhängige Geist" schlechthin war, zu einem utopischen Fragment verknappt. Von neun Strophen blieben dreieinhalb. Das Fragmentarische, glaubt Hildebrandt, entsprach dem in Fetzen liegenden Europa. Die Musik bändige den Text wie eine "Collage"; anspringender habe Beethoven die Chaostheorie nicht umsetzen können. Doch immer noch waren es die Locken des Prometheus Schiller, die sich auf dem sturmzerzausten Haupt des Finalsatzes kräuselten.

Die Geschwisterlichkeit von Text und Musik war Richard Wagner, dem Lazarus des Faustischen, suspekt: Ihn interessierte an Beethovens Opus der "Beginn einer neuen Zeitrechnung", die er für sich nutzen konnte; der Rest bestand aus Gebetsmühlenlob – für Goethe. Gefährlicher für die Neunte, doch ebenso durchschaubar waren die Heimsuchungen durch politische Lehren. Schiller und Beethoven im Kreidekreis des Marxismus, ein wunderliches Kapitel. Im Ersten Weltkrieg erwuchs, so ein Kritiker, "deutsche Kraft" aus ganzheitlicher Betrachtung: "Säbel in der Rechten, Beethoven im Herzen!"

Seine Kapitulation reichte der Weltgeist ein, als die Nazis mit Beethoven aufrüsteten. Für Volkes Seele sollte er in tragischen Stunden ein "Bollwerk" darstellen. Gewaltiger waren nur die Befehle Hitlers, dem sich Furtwängler beugte, als er 1942 zur Neunten ans Pult genötigt wurde. Schon 1934 hatte Hanns Eisler dem Dirigenten das Recht abgesprochen, "wahrheitssuchenden freiheitsliebenden Menschen große Musik vorzuführen". Hildebrandt leitet aus Eislers eisigem Richterspruch die moralische Frage ab: "Muss sich Musik alles gefallen lassen?"

Unverwüstlich blieb der tönende Götterfunken trotzdem – und vielseitig verwendbar: als filmische Schuldmusik (Kubrick, Kagel), als Popsubstrat, als Weihezelebration. Und irgendwann war Europa wieder empfänglich für die Majestät der gemütlichsten aller Festklänge und verleibte sie sich als offizielle Hymne ein; Schiller verstummte zwangsweise. Die Geschichte der Neunten war auch eine ihres monströsen poetischen Gewichts. Und ihrer Unübersetzbarkeit.

Hildebrandt treibt die Neunte als Opus ultimum mit Scharfsinn durch die Zeiten, bis er am Ende ihren visionären Appell desillusioniert: "Nur in der Einsicht, dass alle Menschen nicht Brüder werden, nie, nie, nie; nur wenn wir uns klarmachen, dass wir einem Hymnus auf die Vergeblichkeit beiwohnen, dämmert uns eine Ahnung von Widerstand und Widerständigkeit, bis in die letzte Note der Neunten: der Sinfonie des Sisyphus."

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