Wann der letzte Däne in Schleswig-Holstein aus politischen Gründen ermordet wurde, nein, das weiß Gerhard Maas nicht. Wirklich witzig findet er die Frage aber auch nicht. "Der Lack ist dünn", sagt er. "Ich habe noch nie so viel darüber diskutieren müssen, wozu wir überhaupt da sind und warum es uns gibt."

Wir, das ist die dänische Minderheit im nördlichen Schleswig-Holstein. Deren politische Vertretung ist der Südschleswigsche Wählerverband, der SSW. Und der sorgt gerade dafür, dass sich in Deutschlands konservativem Milieu eine Art dänische Dolchstoßlegende breit macht.

Der SSW hat sich entschieden, in Kiel eine rot-grüne Regierung zu tolerieren, die bei den Landtagswahlen ihre eigene Mehrheit verloren hat. Klar, dass jetzt manch einer fragt: Dürfen Dänen das? Und: Was sind das eigentlich für Leute? Die SSW-Chefin Anke Spoorendonk erhielt unlängst eine Morddrohung.

Seit elf Jahren sitzt Gerhard Maas für den SSW in der Flensburger Ratsversammlung. Bis vor kurzem hat der exotische Wählerverband südlich der Eider keinen Menschen interessiert. Der SSW galt als etwa so spannend wie eine Mischung aus Krötenrettungsinitiative und Folkloretanzkreis. In der Landespolitik ging er als mehr oder weniger putziges Accessoire durch, als eine Prise Skandinavien – ganz schick und völlig harmlos. Deshalb hatte auch niemand etwas daran auszusetzen, dass der SSW als Minderheitenpartei von der Fünf-Prozent-Klausel befreit wurde. Ein bösartiger Mensch könnte freilich sagen, dass der Artenschutz für die Deutschdänen den Eindruck erwecke, sie seien im Bestand ähnlich gefährdet wie Schweinswale oder Trottellummen. Und ein bisschen hätte er Recht mit der Kritik.

Als unanständig wird das Minderheitenprivileg aber erst gegeißelt, seit sich die SSW-Dänen anschicken, Deutschland ins Elend zu stürzen – indem sie nämlich mit ihren zwei Abgeordneten der SPD-Spitzenkandidatin Heide Simonis beispringen, verhindern sie nicht nur den Machtwechsel in Schleswig-Holstein, sondern auch jenen im Bundesrat – der aber unbedingt erforderlich wäre, um die Republik auf Vordermann zu bringen. So jedenfalls sehen es viele CDU-nahe Publizisten und Politiker, gerade solche von südlich der Eider.

Wie könnten anti-dänische Ressentiments aussehen?, fragte die FAZ kurz nach den Landtagswahlen in Schleswig-Holstein und antwortete wohl nicht ganz im Ernst: "Gäbe es dänische Synagogen, wüsste man schon, wie." Gerhard Maas findet, da höre der Spaß auf. "Geistige Brandstiftung" sei so etwas. Schon werde er von anonymen Anrufern als "Vaterlandsverräter" bezeichnet oder schlicht als "Arschloch". Dabei arbeiteten Maas und seine Flensburger SSW-Fraktion seit Jahrzehnten ausgezeichnet mit der CDU zusammen, ja, sie stützen sogar den Unionsoberbürgermeister.

In der Tat ist der SSW, draußen auf dem Lande, alles andere als ein Wurmfortsatz der SPD. In den traditionell schwarzen Gemeinderäten zwischen Sylt und Schlei sitzen SSW-Vertreter zumeist mit Unionsmitgliedern zusammen, um über Umgehungsstraßen und Schulbusfahrpläne zu beraten. Durchaus kollegial, pragmatisch und kompromissorientiert, bisher. Nun vernimmt, wer Bürgermeister auf dem schleswig-holsteinischen Lande nach der Zukunft der lokalen Zusammenarbeit befragt, ein deutliches Grummeln.

Auch wenn die Vorsitzende des SSW, Anke Spoorendonk, jedes Gerede von einer Zerreißprobe ihrer Partei als "Mythos" abtut – längst nicht jeder an der SSW-Basis ist glücklich über die Entscheidung der Parteiführung, in Kiel das Steuer für Rot-Grün herumzureißen. Mit den Worten: "Jetzt müssen wir alle bald Dänisch lernen", habe sie ein CDU-Mitglied im Gemeinderat von Sankelmark in der ersten Sitzung nach der Wahl begrüßt, erzählt Karla Nissen. Sie und ihr Mann Peter engagieren sich seit Jahrzehnten in der Lokalpolitik für den SSW. Nach ihrer Beobachtung sind keineswegs alle SSWler begeistert von der Nähe zu den Sozialdemokraten. Wie so viele Gefühls-Dänen unterstützen die Nissens den SSW nicht aus tiefster programmatischer Überzeugung. Sie wählen ihn, weil sie vor Jahren die dänische Lebensart wählten.