Fünf Handys bleiben von Nicola Calipari, dem italienischen Geheimagenten, der nach der Freilassung Giuliana Sgrenas im "Freundfeuer" einer US-Patrouille starb. Fünf Handys, die mittlerweile bei der Staatsanwaltschaft in Rom eingetroffen sind. Sie taugen nicht als Vermächtnis und womöglich noch nicht einmal als Beweismittel. "Ich muss arbeiten, gebt mir einige Stunden Ruhe, in denen ich die Handys ausschalte", soll Calipari die Führung des Militärgeheimdienstes Sismi in Rom gebeten haben. Stunden der Ruhe für die Übernahme der Geisel Sgrena.

"Sich als Geheimagent im Irak zu bewegen heißt, allein zu sein, auf niemanden zählen zu können, in gefährlichen Gegenden mit gefährlichen Personen zu tun zu haben", hat der Sismi-General Niccolò Pollari bei einer Gedenkveranstaltung für Calipari gesagt. Calipari war nicht allein unterwegs, sondern hatte einen Sismi-Mitarbeiter zur Seite. Aber er zählte auf niemanden. Am wenigsten, so stellt sich im Verlauf der Ermittlungen heraus, zählte Nicola Calipari auf die Amerikaner.

Die US-Truppen sollten nichts wissen von den Bewegungen des italienischen Agenten, lautet die zentrale Aussage des Generals Mario Marioli, des Vizekommandeurs der Koalitionstruppen im Irak. Die Mailänder Tageszeitung Corriere della Sera veröffentlichte Auszüge aus Mariolis Bericht an die römische Staatsanwaltschaft. Darin erklärt der General, zwar seien die US-Militärs vorzeitig darüber informiert worden, dass "nach dem 15. Februar für vier bis fünf Tage" italienische Agenten in Sachen Giuliana Sgrena in den Irak kommen würden und logistische Unterstützung benötigten. Als dann aber Calipari am frühen Nachmittag des 4. März tatsächlich in Bagdad eintraf, sei Stillschweigen über seinen Auftrag vereinbart worden.

"Wiederholt" habe er Calipari auf die Gefahr von "Freundfeuer" hingewiesen und den Sismi-Offizier vor diesem Hintergrund gefragt, ob er nicht die Amerikaner über seine Mission informieren solle, berichtet Marioli. Calipari bestätigte aber nur eine Order, die der General bereits zuvor aus Rom empfangen hatte: "Eine weitere Zusammenarbeit mit amerikanischem Militär war nicht vorgesehen und noch weniger, ihnen weitergehende Informationen zu geben." Als Calipari in der Militärbasis eintraf, fand er neben Marioli auch einen amerikanischen Offizier vor, Captain Green. "Er war sehr nützlich bei der Beschaffung eines Passierscheins", zitiert der Corriere weiter aus dem Bericht des Generals, "aber ich unterstreiche, dass Captain Green aus ersichtlichen Gründen absolut nichts über das Ziel von Caliparis Reise und sein Tagesprogramm wusste."

Ersichtliche Gründe, das wären Verhandlungen und direkter Kontakt mit den Geiselnehmern sowie die Zahlung von Lösegeld – alles das lehnen die Amerikaner strikt ab. Über die Existenz und die Höhe von Lösegeld ist in den Tagen nach Sgrenas Freilassung heftig spekuliert worden. Von sechs bis acht Millionen Euro war die Rede, die ein Sismi-Mitarbeiter, vielleicht Calipari selbst, kurz vor Entgegennahme der Journalistin, in einem Drittland deponiert haben soll.

Nun nutzte Außenminister Gianfranco Fini den Auftritt in einer Fernseh-Talkshow für ein Dementi: "Ich dementiere, dass die Regierung Zahlungen für die Befreiung von Giuliana Sgrena erlaubt hätte."

Washington soll es so gewollt haben. Die Amerikaner hätten eine offizielle Abkehr der Italiener von ihrer bisherigen Verhandlungspolitik im Irak als Bedingung für die Einrichtung der gemeinsamen Untersuchungskommission zum Fall Calipari gefordert, verlautet in Rom. "Durch Millionen Dollar Lösegeld hat Rom in den vergangenen Monaten die sunnitische Guerilla finanziert", soll der amerikanische Botschafter in Italien bei einem Treffen mit Silvio Berlusconi geklagt haben. Und nicht nur das: Das Versprechen von Berlusconis Europaminister Rocco Buttiglione, beim Prozess gegen den früheren Stellvertreter von Saddam Hussein, Tarek Aziz, für den Angeklagten auszusagen, sahen die Amerikaner als weiteres Zugeständnis an Sgrenas Geiselnehmer an.

Während Giuliana Sgrena in einem von der regierungsnahen Presse mit Vehemenz verurteilten Interview erklärte, ihr sei es gleichgültig, ob für sie Lösegeld gezahlt worden sei oder nicht, ist die Opposition auf die von Fini vorgegebene harte Linie eingeschwenkt. "Nicola Caliparis Tragödie zwingt uns, die bisherige Bereitschaft zu überdenken, Lösegeld zu zahlen", erklärte vor dem Parlament der frühere sozialistische Regierungschef Giuliano Amato, ein Jurist von hervorragendem Ruf. "Wir als Opposition haben diese Politik bisher mitgetragen, aber jetzt sehen wir, dass sie kontraproduktive Ergebnisse hervorbringen kann. Sie kann unsere Loyalität gegenüber anderen Staaten beeinträchtigen und italienische Staatsbürger nicht nur im Irak zu begehrter Beute für Geiselnehmer werden lassen." Im Irak befinden sich zurzeit neben 3000 italienischen Soldaten der "Operation Antikes Babylon" noch rund 130 Italiener, darunter 26 Helfer des italienischen Roten Kreuzes. Die anderen sind Botschaftsangestellte, Militärpolizisten, Geheimagenten und Bodyguards. Das Außenministerium hat sämtliche Journalisten zurückgerufen, geblieben ist ein Fotoreporter, der sich mit Leibwache bewegt.