Es klingt paradox, dass eine Eisschicht die Blüten von Obstbäumen und Weinreben vor dem Erfrieren schützen soll, aber es stimmt tatsächlich. Einer Anekdote zufolge soll das ein weinseliger Bauer in der Toskana entdeckt haben. Während seine Kollegen nach einem warmen Frühlingstag aus Angst vor dem Nachtfrost die Beregnungsanlagen in ihren Weinbergen abstellten, torkelte er erst im Morgengrauen aus der Kneipe nach Hause – und seine Reben waren die einzigen, deren Blüten den strengen Frosteinbruch überlebten.

Obstblüten sterben nicht gleich, wenn die Temperatur um den Gefrierpunkt liegt. Gefährlich wird es für sie erst, wenn über mehrere Stunden einige Minusgrade herrschen. Zwei physikalische Phänomene sorgen dafür, dass ein leichter Eismantel sie in dieser Situation schützt: Das erste ist die Isolierung. Eis ist kein besonders guter Wärmeleiter, und die Schicht, deren Temperatur um null Grad liegt, schützt vor einer größeren Kälte in der Umgebungsluft. Das zweite Schutzprinzip trägt den physikalischen Namen »Erstarrungswärme«: Wenn eine Flüssigkeit den Aggregatzustand wechselt und fest wird, gibt sie Wärme an die Umgebung ab. Bei Wasser sind das 335 Joule pro Gramm – Wärmeenergie, die direkt der Blüte zugute kommt. Das funktioniert sogar noch, wenn die Pflanze schon eine Eishülle hat. Zusätzliche Beregnung sorgt für zusätzliche Wärme. Allerdings ist irgendwann der Panzer zu dick, und ganze Zweige können abbrechen. Die Kunst besteht darin, das Wasser möglichst fein zu zerstäuben und so für eine möglichst lange Zeit kontinuierlich Erstarrungswärme zu erzeugen, ohne dass die Eisschicht zu massiv wird. Christoph Drösser

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