Hélène GrimaudIch habe einen Traum

Hélène Grimaud: »Die Konzentration, die erforderlich ist, einem wilden Tier zu begegnen, ist dieselbe, die man braucht, um ein Stück Musik zu durchdringen. Beiden kann man weder halbherzig noch auf halber Strecke begegnen« von Andrea Thilo

Vor zehn Jahren fragte man mich, wo ich mich selbst in zehn Jahren sähe. Ich konnte es nicht sagen. Ich hatte immer das Gefühl, dass mich eine solche Aussage einschränken würde. Indem man ein konkretes Ziel formuliert und darauf hinarbeitet, verpasst man all die Chancen, die rechts und links des Weges liegen. Wie wir wissen, ereignen sich aber die schönsten Dinge im Leben dort, wo man sie am wenigsten vermutet.

Mir ist dies häufig widerfahren, und ich möchte stets flexibel und durchlässig genug sein, um die Wunder des Moments zu erleben und sie in mein Lebensmuster zu weben. So wie meine erste Begegnung mit Alawa auf einem nächtlichen Spaziergang in Florida vor Jahren. Ich hatte mir nie träumen lassen, die Bekanntschaft von Wölfen zu machen, aber als ich das erste Mal in ihre grauen Augen sah, wusste ich: unsere Wege mussten sich irgendwann kreuzen.

Das Einzige, wovon ich träumte, war die Ausdehnung meines Selbst, eine Ausweitung meines Lebens. Stets war ich getrieben von einer Idee des »Anderswo«, weniger geografisch gemeint als vielmehr bezogen auf meinen Erlebnishorizont. Wahrscheinlich habe ich es geschafft, gerade mal zu zwei Arten von »Anderswo« aufzubrechen.

Wenn ich betrachte, was in der Welt passiert, könnte ich unser Umweltprojekt Wolf Conservation Center, an dem ich seit Jahren arbeite, aufgeben, die Hände in den Schoß legen und mich fragen: Was macht es schon für einen Unterschied? Ich könnte nur noch um mich selbst kreisen oder mich Dingen widmen, die schnellere Effekte zeitigen. Machen wir uns nichts vor, Hoffnung gibt es wenig. In meinen dunkelsten Momenten fürchte ich, mit diesem Projekt Zeit zu verplempern, und erwäge, mich wie die meisten anderen im Nebel der Mutlosigkeit aufzulösen. Aber natürlich darf man so nicht denken. Wir kleinen, unbedeutenden Wesen sind gefordert, ein wenig von unserer Gemütlichkeit aufzugeben und uns zu bewegen. Manchmal sind es winzig kleine Samen, aus denen große Dinge gedeihen.

Was mir hilft, hoffnungsvoll zu bleiben, sind die Kinder, die unser Wolfsgehege besuchen. Manche kommen hier mit ihrem eigenen Chaos an, unkonzentriert, verloren. Doch nach einem Tag bei uns wirken sie wie verwandelt.

Die Kinder nehmen aus dem Wolfsgehege nicht nur Wissen mit – über Biologie, Ökologie und so weiter –, sondern sie erleben dort, dass sie wichtig und zu etwas imstande sind, dass sie Liebe geben können und diese Liebe wiederum etwas Neues schafft. Kein Kind begegnet dort den Wölfen unvorbereitet. Erarbeitetes Wissen verstärkt das Erleben und vertieft die Glückseligkeit enorm. Wenn die Kinder erleben, dass alles miteinander zusammenhängt, werden sie unmittelbar berührt und ehrfürchtig – manche vielleicht zum ersten Mal in ihrem Leben.

Die Konzentration, die erforderlich ist, einem wilden Tier zu begegnen, ist dieselbe, die man braucht, um ein Stück Musik wirklich zu durchdringen. Beiden kann man weder halbherzig noch auf halber Strecke begegnen. Man muss stets fokussiert sein, darf nie auf Autopilot umschalten. Auch der Weg ins Herz eines Stückes verlangt hundertprozentigen Einsatz, intellektuell, emotional, psychologisch.

Egal, wie jung oder hilflos sie sind, können diese Kinder plötzlich differenzieren und ihre Eltern und ihre unmittelbare Umwelt darüber aufklären, dass sie falschen Vorstellungen aufsitzen. Nur wer von etwas bewegt wird, wird motiviert, es zu beschützen. Wenn Kinder erleben, welche Erschütterungen ihre Vorstöße auslösen, können sie große Schritte in ihrer eigenen Entwicklung machen.

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