Hélène Grimaud Ich habe einen Traum
Hélène Grimaud: »Die Konzentration, die erforderlich ist, einem wilden Tier zu begegnen, ist dieselbe, die man braucht, um ein Stück Musik zu durchdringen. Beiden kann man weder halbherzig noch auf halber Strecke begegnen«
Vor zehn Jahren fragte man mich, wo ich mich selbst in zehn Jahren sähe. Ich konnte es nicht sagen. Ich hatte immer das Gefühl, dass mich eine solche Aussage einschränken würde. Indem man ein konkretes Ziel formuliert und darauf hinarbeitet, verpasst man all die Chancen, die rechts und links des Weges liegen. Wie wir wissen, ereignen sich aber die schönsten Dinge im Leben dort, wo man sie am wenigsten vermutet.
Mir ist dies häufig widerfahren, und ich möchte stets flexibel und durchlässig genug sein, um die Wunder des Moments zu erleben und sie in mein Lebensmuster zu weben. So wie meine erste Begegnung mit Alawa auf einem nächtlichen Spaziergang in Florida vor Jahren. Ich hatte mir nie träumen lassen, die Bekanntschaft von Wölfen zu machen, aber als ich das erste Mal in ihre grauen Augen sah, wusste ich: unsere Wege mussten sich irgendwann kreuzen.
Das Einzige, wovon ich träumte, war die Ausdehnung meines Selbst, eine Ausweitung meines Lebens. Stets war ich getrieben von einer Idee des »Anderswo«, weniger geografisch gemeint als vielmehr bezogen auf meinen Erlebnishorizont. Wahrscheinlich habe ich es geschafft, gerade mal zu zwei Arten von »Anderswo« aufzubrechen.
Wenn ich betrachte, was in der Welt passiert, könnte ich unser Umweltprojekt Wolf Conservation Center, an dem ich seit Jahren arbeite, aufgeben, die Hände in den Schoß legen und mich fragen: Was macht es schon für einen Unterschied? Ich könnte nur noch um mich selbst kreisen oder mich Dingen widmen, die schnellere Effekte zeitigen. Machen wir uns nichts vor, Hoffnung gibt es wenig. In meinen dunkelsten Momenten fürchte ich, mit diesem Projekt Zeit zu verplempern, und erwäge, mich wie die meisten anderen im Nebel der Mutlosigkeit aufzulösen. Aber natürlich darf man so nicht denken. Wir kleinen, unbedeutenden Wesen sind gefordert, ein wenig von unserer Gemütlichkeit aufzugeben und uns zu bewegen. Manchmal sind es winzig kleine Samen, aus denen große Dinge gedeihen.
Was mir hilft, hoffnungsvoll zu bleiben, sind die Kinder, die unser Wolfsgehege besuchen. Manche kommen hier mit ihrem eigenen Chaos an, unkonzentriert, verloren. Doch nach einem Tag bei uns wirken sie wie verwandelt.
Die Kinder nehmen aus dem Wolfsgehege nicht nur Wissen mit – über Biologie, Ökologie und so weiter –, sondern sie erleben dort, dass sie wichtig und zu etwas imstande sind, dass sie Liebe geben können und diese Liebe wiederum etwas Neues schafft. Kein Kind begegnet dort den Wölfen unvorbereitet. Erarbeitetes Wissen verstärkt das Erleben und vertieft die Glückseligkeit enorm. Wenn die Kinder erleben, dass alles miteinander zusammenhängt, werden sie unmittelbar berührt und ehrfürchtig – manche vielleicht zum ersten Mal in ihrem Leben.
Die Konzentration, die erforderlich ist, einem wilden Tier zu begegnen, ist dieselbe, die man braucht, um ein Stück Musik wirklich zu durchdringen. Beiden kann man weder halbherzig noch auf halber Strecke begegnen. Man muss stets fokussiert sein, darf nie auf Autopilot umschalten. Auch der Weg ins Herz eines Stückes verlangt hundertprozentigen Einsatz, intellektuell, emotional, psychologisch.
Egal, wie jung oder hilflos sie sind, können diese Kinder plötzlich differenzieren und ihre Eltern und ihre unmittelbare Umwelt darüber aufklären, dass sie falschen Vorstellungen aufsitzen. Nur wer von etwas bewegt wird, wird motiviert, es zu beschützen. Wenn Kinder erleben, welche Erschütterungen ihre Vorstöße auslösen, können sie große Schritte in ihrer eigenen Entwicklung machen.
So wie der Wolf die Erde besitzt und der Fisch den Ozean, wie die Vögel den Himmel und die Götter das Feuer besitzen, so muss auch der Mensch sein Element finden, das fünfte Element, das einzige, aus dem wir niemals ausgeschlossen sein werden. Die Kunst ist dieses Element, ohne das wir unser Leben lang, unglückliche Waisen, umherirren; ohne das wir uns von der Natur und vom Kosmos entfernen, weil wir taub, blind, gefühllos, unempfindlich werden.
Ich möchte den Kindern helfen, diesen Raum für sich zu entdecken, so wie jenen, den ich dank der Wölfe wiedergefunden habe.
Viele Menschen sind unsicher, was ihr Lebenszweck oder ihr Ziel sein könnte. Doch wer sich mit dem Leben tief verbunden fühlt, kann zugleich ganz und gar außer sich und ganz nah bei sich sein.
Jeder denkt, er sei anders. Aber letzlich tragen wir alle dieselben Ängste, Bedürfnisse und Gefühle in uns. Und wir haben sowieso keine andere Chance, als unseren eigenen Weg anzunehmen. Ihn zu erkennen, darum geht es.
Mein eigenes Leben wird stark durch Mobilität bestimmt. Das Leben ist so schizophren durch dieses ewige Kommen und Gehen. Mein größter Konflikt ist zugleich meine größte Angst: nicht ausreichend geben zu können, nicht allen das geben zu können, was sie erwarten. Manchmal berühren mich Begegnungen mit Menschen sehr, spüre ich die gleiche Wellenlänge und weiß doch, dass diese Freundschaften schon rein praktisch nicht lebbar sind. Auch wenn es Menschen gibt, mit denen man den Faden nach Jahren wieder an derselben Stelle aufnimmt, muss eine Freundschaft wie alles andere auch kultiviert werden, um zu wachsen.
Andererseits sage ich: Wenn das mein einziges Problem ist, dann bin ich bereit, diesen Preis zu zahlen. Zumindest kann ich Menschen das Gefühl geben, dass sie in diesem Moment für mich das Einzige sind, was auf der Welt existiert. Auch das haben mich die Wölfe gelehrt: in ihre Augen zu blicken, in sie hineinzuschauen.
Die Basis dafür ist die Fähigkeit zu einer tiefen Liebesbeziehung – etwas, wozu ich lange Jahre hindurch nicht imstande war. Heute, da ich es bin, weiß ich, wie viel Arbeit sie ununterbrochen erfordert. Einen großen Teil des Jahres in einer Fernbeziehung zu leben, so wie mein Freund Henry und ich, ist alles andere als selbstverständlich. Es verlangt ein ungeheures Maß an Vertrauen und die Fähigkeit, die Spannungen, die sich aus der langen Abwesenheit ergeben, zu atomisieren. Vielleicht ist der Grund, warum wir nach wie vor ein Paar sind, einer, den mich wiederum die Beziehung zu Wölfen gelehrt hat – halte nie etwas für selbstverständlich.
Ich würde sagen, diese Art der Paarbeziehung ist die größte Herausforderung für mich überhaupt. Die Fragilität dieses Systems erlaubt den Zweifel. Ich träume davon, genug zu lernen, um diesen Balanceakt ein Leben lang möglich zu machen. Und ich gebe zu: Sowohl die Utopie der ewigen Harmonie als auch die Gefahr des Scheiterns bergen ihre Reize. Letztlich geht es darum, jeden Fehler in noch mehr Kraft zu verwandeln.
Hélène Grimaud, 35, wurde mit 12 als Pianistin am Pariser Konservatorium aufgenommen. Mit 18 gab sie ihr Debüt unter der Leitung von Daniel Barenboim. Zeitgleich mit ihrer neuen CD – Sonaten von Chopin und Rachmaninow – erschien kürzlich ihre Autobiografie »Wolfssonate«. Die Wölfe sind ihre zweite große Leidenschaft. Nahe New York, wo sie mit ihrem Freund lebt, besitzt sie ein Wolfsgehege: Ihr Umweltprojekt Wolf Conservation Center. Sie träumt davon, jeden Fehler in Kraft zu verwandeln
Aufgezeichnet von Andrea Thilo
- Datum 27.03.2009 - 10:43 Uhr
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- Quelle (c) DIE ZEIT 17.03.2005 Nr.12
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