Niemand darf wegen seiner Behinderung benachteiligt werden." So gebietet es seit nunmehr zehn Jahren die Verfassung. Doch in der Realität hat dieses Gebot an der Ausgrenzung behinderter Menschen nicht wirklich etwas geändert.

Bei der Polizei in Nordrhein-Westfalen können zwar Menschen mit und ohne Behinderungen inzwischen über das Internet Strafanzeigen aufgeben. Und auch in Bremen sind die Seiten der Bürgerschaft so gestaltet, dass Menschen mit einem Handicap sich ebenso problemlos wie nichtbehinderte Menschen über das Geschehen im Landesparlament informieren können. "Wer nicht aus dem Haus gehen kann, hat genauso ein Recht, alles aus dem Parlament zu erfahren, wie jene, die unsere Sitzungen besuchen können", erklärt Bürgerschafts-Protokollchefin Anja Eckhardt das Motiv, die Internet-Seiten behindertengerecht zu gestalten. "Warum sollen blinde, gehörlose, spastisch oder querschnittsgelähmte Bürgerinnen und Bürger durch vermeidbare Barrieren auch noch im Internet benachteiligt werden", begründet auch Guido Karl, Polizeireferent im NRW-Innenministerium die Entscheidung, den Internet-Auftritt behindertengerecht zu gestalten.

Während Bund, Länder und Gemeinden, die die Verfassungsvorschrift unmittelbar bindet, wenigstens in winzigen Schritten das Diskriminierungsverbot verwirklichen, ignoriert die Wirtschaft es weitgehend noch. Von ihr werden blinde, gehörlose, gelähmte, seh-, hör- oder mobilitätsbehinderte Menschen noch nicht einmal als Verbraucher wahrgenommen.

"Wir kommen in die wenigsten Arztpraxen, Apotheken, Theater, Kinos, Supermärkte, Läden, Schulen, Kindergärten, Bahnen und Busse", sagt Gisela Hermes zu den alltäglichen Schwierigkeiten. Die Leiterin des Bildungs- und Forschungsinstituts zum Selbstbestimmten Leben behinderter Menschen (BiFoS) in Kassel ist an Kinderlähmung erkrankt und sitzt im Rollstuhl.

Viele Bundesländer haben die Hilfen für Blinde drastisch gekürzt

Selbst bei Neubauten und in der Verkehrspolitik werden die Bedürfnisse von behinderten Menschen noch immer kaum berücksichtigt. Die Bahn AG weigert sich beispielsweise beharrlich, ihre Fahrkartenautomaten, die in Kleinstädten die Schalter ersetzen sollen, für Rollstuhlfahrer und blinde Menschen zugänglich zu machen und umzurüsten. Fahrzeuge mit automatisch ein- und ausfahrbaren Rampen, von denen Mütter mit Kinderwagen und kleine Kinder ebenfalls profitieren würden, will sie – wenn überhaupt – erst nach 2008 einführen. Die ständig wiederholte Bitte der Blinden- und Sehbehindertenverbände, alle Informationen im Zug in größerer Schrift auf Displays darzustellen und im Lautsprecher anzusagen, hat bislang bei den Bahn-Oberen kein Gehör gefunden. Auch nicht die, in Fernzügen die Ausstiegsseite zu nennen, damit allein reisende blinde Menschen nicht auf dem Abstellgleis landen.

Dass es anders geht, machen die USA vor. Dort wird seit 1990 das Antidiskriminierungs- und Gleichstellungsgesetz The Americans with Disabilities Act (ADA) konsequent umgesetzt. Nach Angaben von Judith Heumann, der stellvertretenden Bildungs- und Rehabilitationsministerin der ehemaligen Regierung Bill Clinton, kommt dies gleichermaßen den Betroffenen wie der Wirtschaft zugute. Durch die kontinuierlich ausgeräumten Hindernisse seien die rund 50 Millionen gehandicapten Menschen in den Staaten gut in die Gesellschaft integriert. Dies bringe rund 200 Milliarden Dollar Mehreinnahmen, rechnete die Rollstuhlfahrerin bei ihren Besuchen in der Bundesrepublik Vertretern von Politik und Wirtschaft vor.

Von einer solchen Integration können Behinderte in der Bundesrepublik nur träumen. Viele von ihnen müssen derzeit sogar weitere drastische Verschlechterungen hinnehmen, wie beispielsweise Blinde oder stark Sehbehinderte. Nach einer Infas-Studie sind nur noch etwa 30 Prozent von ihnen berufstätig. Denn geeignete Berufe im Schreibdienst, in Telefonzentralen oder in der Physiotherapie werden zunehmend wegrationalisiert. Und neue Berufsfelder im Telefonmarketing oder als wissenschaftliche Dokumentare, PR-Assistenten, EDVler und Sachbearbeiter besetzen viele Arbeitgeber lieber mit Gesunden.