Wenn Michael Rosenblum Recht hat, dann ist das Fernsehen, wie wir es kennen, in spätestens fünf Jahren tot. Rosenblum, Journalist aus New York, Inhaber einer TV-Consulting-Firma und Medien-Visionär, sieht eine spektakuläre ästhetische Umwälzung im Gange. Als ihren Motor hat er jenes Gerät ausgemacht, das bisher hauptsächlich Familienfeiern für die Nachwelt festhielt: die Digicam. Der Fernsehjournalist der Zukunft soll sie so beiläufig umhertragen wie einen Notizblock, seine Beiträge soll er am eigenen Laptop schneiden. Reporter, Kameramann, Beleuchter, Tonmann und Cutter – sie alle, so das Versprechen, sind künftig in einer Person vereint, dem Videojournalisten (VJ). Die Digicam sei "die Gutenberg-Presse des 21. Jahrhunderts", verkündet Rosenblum. Und die Senderchefs glauben ihm.

Selten dürfte ein Einzelner solchen Einfluss auf das europäische Staats- und Gebührenfernsehen gehabt haben. Bei der britischen BBC hat Rosenblum Hunderte Videojournalisten geschult. Der Hessische Rundfunk war der erste deutsche Fernsehsender, bei dem das neue Zeitalter anbrach, im September 2003. Der Pilotversuch Videojournalisten begann mit einem dreiwöchigen "Boot Camp", einem Trainingslager unter Leitung Michael Rosenblums. Inzwischen bildet der HR seine Videojournalisten selbst aus, jeden Tag laufen etwa sieben VJ-Beiträge im Programm. Auch bei der Deutschen Welle und beim Mitteldeutschen Rundfunk arbeiten Videojournalisten – und die anderen ziehen nach: Der Norddeutsche Rundfunk hat vor kurzem ein Pilotprojekt gestartet, beim ZDF ist eines in Planung, weitere Sender setzen Arbeitsgruppen ein. Außerdem bieten private Unternehmen eine zwölfmonatige Ausbildung zum Fernsehmacher der Zukunft an.

Das Fernsehen der Zukunft soll einer Ästhetik gehorchen, die an die Romantheorien des 19. Jahrhunderts erinnert: dem ungebrochenen Blick auf die Wirklichkeit. Glaubt man seinen Befürwortern, dann verhält sich der VJ zum herkömmlichen Kamerateam wie der Miniwagen zum Tanklastzug. Er ist wendig, er schießt seine Bilder aus der Hüfte, manchmal reißt er die Kamera über den Kopf. Seine Beiträge, heißt es, zeugen von Feinfühligkeit und Intimität, sie sind nah dran. Menschen werden nicht mehr interviewt, sondern der VJ plaudert mit ihnen. So löst der Videojournalismus scheinbar ein paar schöne Versprechen der Medieneuphorie ein: den starken Autor aus dem Direct Cinema, die Selbstermächtigung des Filmemachers aus der Videoladenbewegung, den Materialbegriff aus der Videokunst. Die Prinzipien des ambitionierten Dokumentarfilms sollen das Regionalfernsehen, respektive Internet, auf jeden Fall die Massen erobern.

Ein neues Medium sei eine "Offenbarung des Menschen", schrieb Bela Bálazs 1924 und meinte das Kino. Können uns Digicam-Filme im Fernsehen ein neues Bild des Menschen liefern? An ihrer Emotionalität erkenne der Zuschauer die VJ-Beiträge, hat der Hessische Rundfunk in Befragungen ermittelt. Was das heißt, wird deutlich, wenn man sich einen Beitrag anschaut, der im HR als vorbildhaft ausgezeichnet wurde. Da erlebt man, in 2:33 Minuten, einen Tag im Leben eines mobilen Eisverkaufskommandos. Markus "Buschi" Buschmann tingelt mit seinem Eiswagen durchs Hessische. Buschi fährt, Buschi löffelt das Eis in die Tüte, auf Buschis T-Shirt steht "Leck mich". Kinder stehen am Eiswagen an, eine Mutter berichtet von der quälenden Wartezeit. Am Ende knabbert ein Hund an der Eiswaffel. In anderen Beiträgen tun sich Videojournalisten auf einer Alligatorenfarm um oder begleiten Feuerwehrleute bei ihrer Rettungsübung im Hochhaus.

Die Ton- und Schnittqualität der meisten Beiträge ist miserabel

Aus solchen Filmen spricht eine betörende Harmlosigkeit. Sie wirken wie Urlaubsfotos von Touristen: Die Bilder sind degradiert zu bloßen Belegen des Dabeigewesenseins. Weder werden Geschichten erzählt noch Zusammenhänge veranschaulicht. Die Beiträge sind verliebt in die Oberfläche; ausnahmslos bejahen sie ihr Objekt. Es sind gefühlige Belanglosigkeiten, mit denen sich Redaktionskosten sparen lassen, wenn auch nicht in der von Michael Rosenblum verheißenen Höhe. Rosenblum will ja ganze Berufe auf dem Müllhaufen der Mediengeschichte ablegen; Etateinsparungen von 60 bis 70 Prozent seien möglich, sagt er. Sein Reformfuror kommt denjenigen in der ARD zupass, die das Bild der gebührenfressenden Betonburg offenbar längst verinnerlicht haben. Der Hessische Rundfunk, schwer in der Quoten- und Finanzkrise, teilt mit, dass die Produktionskosten seiner Videojournalisten um zwölf Prozent unter denen herkömmlicher Drei-Mann-Kamerateams liegen. Sparen und gleichzeitig besseres Fernsehen machen!

Ästhetisch erweist sich der Rationalisierungsvorteil leider schnell als Nachteil. Digicams brauchen keine künstliche Lichtquelle, und der Ton kommt aus dem angeschraubten Richtmikrofon oder vom verkabelten Protagonisten – als Gestaltungsmittel fallen Ton und Licht also weg. Ebenso das Arrangement der Requisiten, der Akteure vor der Kamera, der produktive Umgang mit dem Raum. Was bleibt, ist die Pflicht des Registrierens: Der VJ-Beitrag zeugt davon, dass etwas stattgefunden hat. Als Rohbild-Lieferanten setzen fast alle TV-Sender schon länger so genannte Videoreporter ein. Sei es der nächtliche Autounfall oder die Sportplatzeinweihung in der Kreisstadt – ein Reporter vor Ort liefert Bildschnipsel an die Zentrale, wo sie weiterverarbeitet werden. Auch die neuen Videojournalisten beim NDR sollen zunächst nur Nachrichtenbilder produzieren. Denn die Ton- und Schnittqualität der hessischen VJ-Beiträge ist so miserabel, dass sie oft aufgehübscht werden müssen. Selbstverständlich würden Journalisten weiterhin auf Recherche geschickt, ohne eine Digicam in die Hand nehmen zu müssen, verspricht der HR. Tatsächlich schrumpft das VJ-Einsatzgebiet bei genauerem Hinsehen auf überschaubare Größe.

Die viel beschworene Langzeitdoku aber, in der etwa ein VJ einem Regionalpolitiker nahe kommt wie Robert Drew seinem Gegenüber im berühmten JFK-Film Primary von 1960, ist einstweilen nicht in Sicht. Was indes möglich ist, wenn ein Journalist seine Digicam perfekt beherrscht, zeigt ein VJ-Beitrag aus London. Der BBC-Journalist Mike Kraus hat den Europäischen VJ-Preis gewonnen, der im Oktober von der Bauhaus-Universität in Weimar vergeben wurde. Looking for Love in London heißt seine Filmserie, die in den Tagen vor dem Valentinstag entstand und gesendet wurde. Der Journalist geht darin selbst auf die Suche nach einer Partnerin, er besucht Single-Partys, Speed-Datings und Liebesanbahnungsberater. Wenn Kraus ein Date hat, dann legt er seine Digicam auf sdem Restaurant-Tisch ab und lässt sie einfach weiterlaufen. Wilde Zooms und schnelle Schwenks reproduzieren die Londoner Hektik, dazu wummert ein elektronischer Beat.