Weiß der Teufel, was Serge July und seine junge Garde vor drei Jahrzehnten unter Maoismus verstanden haben mögen, als sie am 23. Mai 1973 mit dem Segen ihres halbblinden Übervaters Jean-Paul Sartre die Tageszeitung Libération aus der Taufe hoben. Doch wie auch immer, die Wandlungen des Pariser Linksblattes und seines Patrons entsprechen von fern her der kapitalistischen Metamorphose des Reiches der Mitte - mit dem kleinfeinen Unterschied, dass die Libération fortwährend am Rande des Ruins einherwankt.

Unsere Armut ist der Maßstab unserer Unabhängigkeit, stellte der Dirigent July hochgemut fest.

Vorbei die Zeiten des pubertären Aufbruchs, als sämtliche Mitarbeiter, ob Star-Autoren oder Putzfrauen, das gleiche Jammergehalt bezogen und jegliche Art von Anzeigenauftrag als unsittliches Angebot abgelehnt wurde, es sei denn, SM-Spezialisten oder Trio- und Quartett-Virtuosen annoncierten ihre Wünsche (ohne Entgelt, versteht sich). Vorbei auch die seligen Jahre der Mitbestimmung, als es protestierenden Sekretärinnen oder zornigen Setzern erlaubt war, den Texten ihre Kurzkommentare in Kursivklammern einzufügen.

Auf Subventionen war das putzmuntere Blättchen von Beginn an angewiesen, auch nach der Professionalisierung im Jahre 1981, als ein Drittel der Mitarbeiter gefeuert, eine Redaktionshierarchie samt Gehaltsstufen verordnet, Anzeigen und das Engagement fremden Kapitals akzeptiert wurden. Ohnehin unterstützt der Staat sämtliche Tageszeitungen Frankreichs mit einer Summe von (umgerechnet) mehr als einer Milliarde Euro: neben Direktzuwendungen nach genauem Schlüssel auch durch die Befreiung von der Gewerbesteuer, einen reduzierten Satz der Mehrwertsteuer und durch generöse Berechnung der Portokosten. July, von nun an ganz Herr im Hause, war nur zu glücklich, außerdem die Zuschüsse großmütiger Finanzmagnaten wie die Schlumbergers zu kassieren, die - einer protestantischen Tradition gehorsam - schon vor dem Ersten Weltkrieg die Humanité des großen (demokratischen) Sozialisten Jean Jaurès gefördert hatten.

Unterdessen schrieben die brillanten Autoren der Libération das Blatt - obwohl (mit einer Auflage von gut 160 000 Exemplaren) noch immer das kleinste der Geschwister neben Le Monde und dem Figaro - in den Rang einer der prominenten Zeitungen von Paris, ja ganz Frankreichs empor.

Als nun freilich Jér'me Seydoux von der Mediengruppe Pathé (auch er Mitglied der haute bourgeoisie protestante) und die anderen Wohltäter im Herbst vergangenen Jahres die Last ohne die Mobilisierung weiterer Hilfstruppen nicht länger tragen konnten (oder wollten), war Gefahr in Verzug. Da die Krise des Zeitungswesens - Einbrüche im Anzeigengeschäft, Rückgang der Auflagen, Konkurrenz durch Internet und Gratisblätter - auch die Libé nicht verschonte, brauchte diese dringend neues Kapital.

Der Großunternehmer und Radikalsanierer Vincent Bolloré, dem unter anderem sämtliche Autobahnrestaurants und beträchtliche Weingüter in der Provence gehören, meldete sein Interesse an, doch er zog sich - angesichts des Widerstandes der schockierten Redaktion - rasch wieder zurück. Zur Überraschung von tout Paris entschloss sich der Bankier Edouard de Rothschild, der sich bisher nur für die mondäne Welt der Pferderennen engagiert hatte, 20 Millionen Euro einzuschießen und seine Beteiligung bis zu einer Höhe von 49 Prozent zu steigern: also ohne die Sperrminorität und das Vetorecht der Mitarbeiter infrage zu stellen. Vor allem aber sicherte er die Präsidentschaft des 61-jährigen Serge July - nunmehr schlank wie einst Außenminister Fischer als Chefjogger der Nation und dennoch zu einer grandseigneuralen Erscheinung gereift - die unanfechtbare Regentschaft bis zum Jahre 2012.