Ob ’s hilft? Willenbrock (Axel Prahl) übt sich in Selbstverteidigung

Foto: [M] UFA Filmproduktion

Willenbrock hat Glück gehabt. 15 Jahre nach der Wende laufen die Geschäfte des Gebrauchtwagenhändlers prächtig, dank lebhafter Nachfrage aus dem Osten. Willenbrock kann sich seine Träume leisten. Ein Eigenheim in einem dieser Wohngebiete, deren Garagen, Vorgärten und Reißbretthäuser den Rhythmus der Mittelstandsmoderne bilden. Ein romantisches Landhaus für die Wochenenden, teure Klamotten, Reisen. Seiner Frau finanziert er eine Boutique, damit sie beschäftigt ist. Und für seine Seitensprünge ist immer noch reichlich Champagner drin und ein Zimmer in einem anständigen Hotel. Willenbrock (Axel Prahl) ist zufrieden, er hat den Mechanismus des Glücks im wiedervereinigten Deutschland durchschaut. Und wenn er morgens in seinem silbernen BMW zur Arbeit fährt, kann er sich keine größere Zumutung vorstellen als einen Stau.

Willenbrock, nach dem gleichnamigen Nachwende-Roman von Christoph Hein, ist die Geschichte eines Mannes, für den das Leben – Systemwechsel hin oder her – eine Art sportive Herausforderung bedeutet. Alles eine Frage der Technik. Ein paar richtige Entscheidungen im günstigen Moment, klar gesetzte Prioritäten und bei allem den eigenen Spaß nicht vergessen. Als geschickter Akquisiteur für das eigene Päckchen Wohlstand hat der Kleinunternehmer längst Routine. Bis Autos geklaut werden, erst der Nachtwächter auf dem Autohof und schließlich Willenbrock selbst und seine Frau in ihrem Wochenendhaus brutal überfallen werden und die Gebrechlichkeit des komfortablen Eingerichtetseins zutage tritt. Der Einbruch ins Private, der Übergriff auf Leib und Besitz, zertrümmert alle Selbstverständlichkeiten.

Im amerikanischen Genrekino wäre jetzt der Zeitpunkt gekommen, die Knarre aus dem Schrank zu holen, sie mit entschlossener Miene durchzuladen und einer allzu zaghaften Rechtstaatlichkeit zu zeigen, was Strafen und Verteidigen heißt. Willenbrocks Selbstbewaffnung – sein wichtigster Kunde spielt dem Ahnungslosen eine Waffe zu – bleibt ein recht erbärmlicher Akt aus Scham und Furcht. Mit wehrhaftem Individualismus hat das wenig gemein.

Willenbrock erzählt von einer fundamentalen Verunsicherung, von den Rissen im zivilisierten Leben, von einer übermächtigen Angst und ihren Ausrutschern in genau die Barbarei, vor der man sich eigentlich schützen wollte. Ein kühler Film, der, in Entsprechung zu Heins gleichbleibend ungerührtem Erzählton, den Schrecken auf Distanz hält – und damit seiner gemeinen Unvorhersehbarkeit nur umso näher kommt.

Keine Musik, in der das Unglück aufdringlich gärt. Und, von Ehefrau Susannes (Inka Friedrich) Panikattacken einmal abgesehen, keine schauspielerischen Exaltiertheiten, die eine einzigartige Tragödie suggerieren, wo es doch um keineswegs außergewöhnliche Beschädigungen des Alltäglichen geht.

Regisseur Andreas Dresen hat die Handlung von Berlin nach Magdeburg verlegt: ein widersprüchlicher Ort, der in einigen Bezirken wegen hoher Arbeitslosigkeit zunehmend verwaist, während sich in anderen zaghaft eine neue Mittelschicht ansiedelt. Willenbrocks DDR-Vergangenheit als Ingenieur und leidenschaftlicher Sportflieger, dem die Flucht des Bruders in den Westen alle weiteren Himmelstürme versaut hat, wie überhaupt das Entschwinden einer nationalen Identität und ihr schwieriger Neubezug werden von Dresen nur schraffiert. Sein Autohändler lebt ohne tieferes Reflexionsbedürfnis ganz im Jetzt, was seine Angriffsfläche für schicksalhafte Genickschläge nur noch vergrößert. "Aber das Leben ist doch schön", sagt er einmal mit kindlicher Beharrlichkeit im Blick und wachsender Panik in der Stimme.

Dresen hat sich zuvor in Filmen wie Die Polizistin und Halbe Treppe eher auf Verlierer und Gestalten am gesellschaftlichen Rand konzentriert und mit digitaler Kamera ohne jeden ästhetisierenden Gestus die größtmögliche improvisatorische Freiheit gesucht. In Willenbrock hat er sich auf dichteres, teilweise gar psychologisierendes Erzählen verlegt und in Cinemascope gedreht. Eine ungemein präzise Charakterstudie ist dabei herausgekommen. Aber auch hier entstehen die für Dresen so typischen Momente großer Unmittelbarkeit, aus denen er seine tragikomischen Funken schlagen kann. Etwa wenn ein zunehmend zusammengestauchter Willenbrock seiner nörgelnden Kundschaft einen allzu aufregenden Bremstest vorführt. Oder wenn er hektisch und ohne Hosen im Vorgarten nach friedensstiftenden Blümchen für das Frühstück mit seiner Frau sucht.