LITERATUR Wer ist das Buch?
Heute wird in Leipzig die Buchmesse eröffnet. Als Einstimmung zum literarischen Frühjahrsereignis eine Typologie der Buchmessengänger
Der Intellektuelle gehört zur Buchmesse wie der Narr zum Karneval. Er ist vor allem bei den ausländischen Bücherständen anzutreffen und bevorzugt dabei exotische Sprachen wie Finnisch oder Japanisch. Er zeichnet sich durch Stirnrunzeln und einen Heiligenschein aus weisen Worten aus. Die Großautoren boykottiert er aus Prinzip und aus Verachtung des Marktes, der die eigene Doktorarbeit verschmäht hat.
Kein Termin entgeht dem Planer . Er hat schon Wochen zuvor das Messegelände vermessen und weiß genau, wie schnell er von Halle 5 nach Halle 6 kommt - verkehrsverzögernde Menschenaufläufe und Bodenkrümmung einberechnet. Um 11 Uhr will er bei einer Lesung von "Die Erfindung des strukturellen Denkens" sein und um 11 Uhr 30 bei einer Diskussionsrunde über Zeitmanagement. Bei einer Entfernung von 300 Metern und einer Durchschnittsgeschwindigkeit von einem Stundenkilometer müsste das zu schaffen sein.
Die Buchmesse ist die Bühne des bekannten Autoren . Sein gönnerhaftes Lächeln zeugt von dem Wissen, dass die Hälfte der Besucher (mindestens) lediglich gekommen sind, um seiner Stimme zu lauschen. Bei der Signierstunde setzt er seinen Friedrich Wilhelm auf seine neueste Schöpfung und denkt darüber nach, einen Roman über einen Künstler zu schreiben, der aus Liebe von seinen Anhängern zerrissen wird.
Für die Schulklasse ist die Messe eine Attraktion, denn sie ist nicht die Schule, und es muss auch nicht wie im Theater stillgesessen werden. Besonders verlockend sind der Comicstand und das Haargummi der Mitschülerin, das sich so leicht stehlen und in einem Berg von Büchern vergraben lässt.
Der unbekannte Autor lässt sich an seinen hoffnungsvoll geweiteten Augen und den vor Aufregung zerzausten Haaren erkennen. Jeder einzelne Zuhörer bei seiner Lesung setzt in ihm einen Schwall von Endorphinen frei. Bisweilen schleust er sich inkognito unter das Volk und spitzt die Ohren, ob jemand seinen Namen ausspricht. Er ist jedoch leicht an dem Notizblock zu erkennen, der aus seiner Hosentasche hervorlugt. Einen solchen sollte jeder Autor stets mit sich herumtragen - das hat er einmal in einem Seminar über kreatives Schreiben gelernt.
Eine besondere Herausforderung ist die Buchmesse für den Verplanten . Ziellos läuft er durch die Hallen, während von überall her Wortfetzen auf ihn einstürmen. Als er in dem medialen Wirrsal endlich zu einer Lesung gefunden hat, die noch nicht kurz vor dem Ende zu sein scheint, wird er mit den Worten begrüßt: "Vielen Dank, dass Sie zu mir gekommen sind und nicht zu Günter Grass." Worauf er sich fragt: "Was, Günter Grass liest auch hier?"
Die Verleger oder vielmehr die PR-Leute der Verleger sind durch ihr unverrückbares Lächeln unverwechselbar. Die große Herausforderung besteht für sie darin, den Titel der jüngsten Verlags-Veröffentlichung möglichst oft zu erwähnen und dabei darauf zu achten, die Sicht auf den Büchertisch nicht zu verstellen.
Der Sammler fällt durch seine gierig blitzenden Augen und seine überdimensional große Tasche auf. Mit den Füßen scharrend wartet er auf die halbstündige Lieferung von Beuteln mit Logoaufdruck, während er sich am Stand rechts davon an den Gummidrops gütlich tut. Kugelschreiber, Blöcke, Memoryspiel, Aufkleber und Lesezeichen trägt er schließlich im Triumph nach Hause. Nur eins findet sich unter seiner Beute garantiert nicht: ein Buch - es sei denn, es war umsonst.
Der Journalist geht in dem guten Wissen über die Messe, dass er bei all diesen literarischen Werbekampagnen die Objektivität bewahrt. Jeder ist für ihn ein potentielles Interviewopfer und der Bleistift vor lauter Hektik schon leicht angekaut. Aber zum Glück gibt es auf Messen ja einen Kaffeestand.
Angeblich soll die Leipziger Buchmesse auch Zielort für Liebessuchende sein und wurde in einem Reiseführer für Treffpunkte in Deutschland aufgeführt. So ein gemeinsames Schmökern in Romeo und Julia verbindet schließlich und zwischen den Zeilen lassen sich dezent kleine Zuneigungsgeständnisse einbinden. Diese Spezies von Besuchern ist erkennbar an dem schmachtenden Blick und vorwiegend bei Lesungen von Liebesromanen anzutreffen.
Und schließlich wäre da noch der ganz normale Librophile , der sowohl zu den unbekannten als auch zu den bekannten Autoren schlendert, sich den einen oder anderen Werbe-Kuli einsteckt, bisweilen mit anderen Messebesuchern flirtet und sich geduldig vom Journalisten interviewen lässt - und sich vielleicht ein ruhiges Plätzchen sucht und ein Buch aufschlägt.
- Datum
- Quelle (c) ZEIT.de, 17.3.2005
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