Querkopf Mr. X

Mit Leidenschaft hat er die Überzeugung vertreten, das Pentagon dürfe im Kampf um den Frieden niemals das Denken beherrschen. Und vor Jahrzehnten schon mahnte er: "Kein Volk ist groß genug zur Errichtung einer Welthegemonie." Goldene Worte. Aber wer im Weißen Haus des George W. Bush hört schon auf die Weisheit eines Hundertjährigen? Die große Welt hat ihn zuerst als "Mr. X" kennen gelernt - im Juni 1947, als er unter diesem Pseudonym im Foreign Affairs einen Aufsatz veröffentlichte, der als amerikanischer Masterplan für den Umgang mit der Sowjetunion galt. Hinter dem Nom de Plume verbarg sich, wie bald herauskam, ein 43-jähriger US-Diplomat namens George F. Kennan, seines Zeichens damals Direktor des Planungsstabes im State Department. In seinem Essay Die Ursprünge des sowjetischen Verhaltens gab er die Losung aus, die fast vier Jahrzehnte lang Amerikas Politik gegenüber dem Sowjetreich bestimmte: containment - Eindämmung. George F. Kennan war, Praktiker und Planer zugleich, wohl der einflussreichste Diplomat des 20. Jahrhunderts. All denen, die Stalins Kriegseroberungen "zurückrollen" wollten, den "liberationists" um Außenminister John Foster Dulles, setzte er seine Überzeugung entgegen, dass es besser sei, auf die wandelnde Kraft der Geschichte zu hoffen "und Tendenzen zu fördern, die am Ende entweder in den Zusammenbruch der Sowjetmacht oder in deren schrittweise Sänftigung münden werden". Sein Rezept erntete viel Kritik, aber im Schatten der Atombombe hatten die Zurückroller nie eine Chance, sich durchzusetzen. Noch zweimal spielte der Bauernsohn aus Wisconsin eine bedeutsame Rolle. Ebenfalls im Frühjahr 1947 konzipierte er mit seinem Stab den Marshall-Plan, dem das kriegszerstörte Westeuropa seinen wirtschaftlichen Wiederaufstieg verdankt. Vier Jahre später bahnte er in Geheimgesprächen mit dem sowjetischen UN-Botschafter Jakob Malik den Waffenstillstand in Korea an. Aber dem Auswärtigen Dienst seines Landes kehrte er schon 1950 den Rücken und ging als Geschichtsprofessor an das Institute for Advanced Studies in Princeton. Die Richtung, die Amerikas Außenpolitik in den späten vierziger Jahren nahm, entsprach nicht seinen Vorstellungen. Er fühlte sich verkannt, die Ausführung seiner Containment-Strategie beunruhigte ihn zutiefst.

Niemals, so wurde er nicht müde zu betonen, habe er an eine primär militärische Eindämmung gedacht. Was ihm vorschwebte, war eine politische Eindämmung, lang angelegt, geduldig, fest und wachsam. Deshalb war er 1949 gegen die Gründung der Nato. Aus dem gleichen Grund schlug er 1957 ein Auseinanderrücken der Militärblöcke in Europa vor - disengagement empfahl er in den Reith Lectures der BBC.

Für kurze Zeit ging Kennan 1952 als Botschafter nach Moskau, wo seine Klagen über schnöde Behandlung, unerträgliche Abhörpraktiken und fadenscheinige Provokationen bald dazu führten, dass er des Landes verwiesen wurde. Der Querdenker konnte auch ein Querkopf sein. "Ich denke nicht in Doktrinen", sagte er, "ich denke in Prinzipien." Fortan wirkte er als Historiker. Russland, Deutschland, Europa blieben seine Themen. George Kennan hat sein Renommee als Russland-Spezialist erworben, sein Russisch aber hat er in Deutschland gelernt. Überhaupt verbindet ihn viel mit Deutschland. Es ist mehr als ein Zufall, dass seine Farm in Pennsylvania auf der Gemarkung einer Stadt namens East Berlin liegt. Als Achtjähriger ging er in Kassel zur Schule. In Hamburg trat er 1927 seinen ersten diplomatischen Posten an.

Mitte der fünfziger Jahre lernte er in Hamburg Marion Gräfin Dönhoff kennen. Zwischen den beiden entwickelte sich eine tiefe Freundschaft. Die Erinnerung an gemeinsame Freunde im Widerstand gegen Hitler verband sie. Sie trafen sich in ihrer Abneigung gegen die vorherrschende Konzentration auf das Militärische, gegen die Konsumwut und Raffgier ihrer Mitmenschen und in ihrer Überzeugung, dass der Kopf ohne das Herz, wie Kennan formulierte, "ein fahler und schwächlicher Abenteurer" wäre. Die ZEIT hat von dieser Herzensfreundschaft viel profitiert und druckte Kennans Texte. Keiner, der George F. Kennan je erlebt hat, vermochte sich dem Eindruck zu entziehen, einem Großen unserer Zeit gegenüberzustehen. Die Geschliffenheit seiner Sprache, die Tiefe seiner Gedanken, die Empfindsamkeit seines Wesens nehmen bis heute, wo er hundert Jahre alt wird, einen jeden gefangen. Noch immer überstrahlt die Helligkeit seines Geistes die Gebresten des Alters. Aus dem Analytiker, dem weltpolitischen Architekten ist ein Weiser geworden.

Er hätte gern fünfzig oder hundert Jahre früher gelebt, vertraute der 24-Jährige bei der Lektüre von Buddenbrooks seinem Tagebuch an: "In diesen Zeiten ist das Leben zu voll, als dass man es begreifen könnte." In langsameren Zeiten hätte er gern gelebt, "als fremde Länder noch fremde Länder waren, als weite Teile der Welt noch in den Glanz des Großen Unbekannten getaucht blieben, als es noch Kriege gab, die es wert waren, geführt zu werden, und Götter, die es verdienten, angebetet zu werden". Es war George F. Kennan anders bestimmt - ein Glück für all seine Zeitgenossen.