von Adrian Pohr für Zeit.de

Die Beziehungen zu Russland bedeuten Europa viel. Da werden unangenehme Themen lieber ausgelassen, wie die schwindende Pressefreiheit, die Zentralisierung der Macht in Wladimir Putins Händen oder auch die Tschetschenienfrage. Während US-Präsident George W. Bush bei seinem Treffen mit Putin Ende Februar eine latente Kritik am russischen Verständnis für Demokratie übte, blieben seine europäischen Amtskollegen aus Frankreich, Spanien und Deutschland beim Vierergipfel mit Putin vergangenen Freitag eher stumm. Weder Jacques Chirac und José Louis Rodriguez Zapatero noch Gerhard Schröder nahmen das Wort Tschetschenien in den Mund - dabei gab es dort zuletzt kritisierenswerte Entwicklungen.

Die Tötung des Rebellenführers Aslan Maschadow, beispielweise. Russische Truppen hatten den gemäßigten Tschetschenen ernordet; die Fotos des Toten wurden anschließend zur allgemeinen Leichenschau freigegeben. Aus Moskau konnte man angesichts des "Schlags gegen den Terrorismus" Jubel vernehmen. Dass damit der letzte verhandlungswillige Tschetschenenführer hingerichtet wurde, stellten zwar die europäischen Medien fest, nicht aber deren Staatsführer. Heute legte die Menschenrechtsorganisation Human Rights Watch einen Bericht vor, der weitere unangenehme Fragen zur russischen Tschetschenien-Politik geradezu aufdrängt und das europäische Schweigen dazu hart kritisiert.

Der Bericht ist das Ergebnis einer umfassenden Untersuchung der Menschenrechtsorganisation zur Verschleppung von Menschen in Tschetschenien. Nach Angaben von Human Rights Watch sind zwischen 3.000 und 5.000 Tschetschenen Opfer von Verschleppungen geworden, wodurch Russland die "unrühmliche Auszeichnung" zuteil würde, "der weltweite Führer in erzwungenen Verschleppungen" zu sein. Die Menschenrechtsorganisation fand es erstaunlich, dass die EU dieses Jahr erstmals keine Tschetschenien-Resolution bei der Menschenrechtskommission der UN eingebracht habe: "Wegzuschauen, während Menschenrechtsverstöße verübt werden, ist skrupellos".

Während Putin vor der internationalen Gemeinschaft behaupte, die Situation in Tschetschenien normalisiere sich, geschehen laut dem Report die Verschleppungen mit der "vollständigen Kenntnis" der russischen Regierung. Diese habe in einer offiziellen Statistik eingeräumt, seit dem Beginn des Tschetschenien-Konfliktes seien mindestens 2.090 Menschen "verschwunden". Doch laut den anschaulichen Erzählungen im Bericht von Human Rights Watch lösen sich die "Verschwundenen" nicht einfach in Luft auf, sondern werden teilweise mit brutaler Waffengewalt ihren Familien entrissen, wie Angehörige erzählten.

Den Urheber der Entführungen hat die Menschenrechtsorganisation auch ausfindig gemacht: "In einer überwältigenden Mehrheit der Fälle sind die Täter zweifelsohne Regierungsagenten, entweder Bundestruppen oder (pro-russische) tschetschenische Sicherheitskräfte." So erklärt sich auch die geringe Aufklärungsrate der Entführungen von sage und schreibe null Prozent: Keine der 1.814 Kriminaluntersuchungen führte nach Angaben eines tschetschenischen Offiziellen zu einer Verurteilung von Tätern.

Die "Verschwundenen" unterteilt Human Rights Watch in drei Kategorien. Die meisten seien Männer zwischen 18 und 40 Jahren, von denen die Regierungsbeamten glaubten, sie hätten Verbindungen mit den Rebellen. Zweitens wurden zuletzt viele Frauen entführt - ein Trend, den man auf die jüngste Beteiligung von tschetschenischen Untergrundkämpferinnen bei terroristischen Anschlägen in Russland zurückführen kann. Eine Minderheit sei drittens aufgrund ihrer Verwandtschaft mit Rebellen verschleppt worden, wahrscheinlich um Informationen über die Angehörigen herauszupressen oder um diese unter Druck zu setzen. So beklagt sich Human Rights Watch auch über die mögliche (und ihrer Auffassung nach in vielen Fällen wahrscheinliche) Folter der Verschleppten.