Drama oder Farce? Was sich an diesem Donnerstag im Kieler Landtag abspielte, ist in der Geschichte des Landes ohne Beispiel. Drei Wahlgänge sieht die Geschäftsordnung zur Kür des neuen Ministerpräsidenten normalerweise vor. Heide Simonis, die bisherige Amtsinhaberin, trat sogar noch ein viertes Mal an – und blieb doch ohne Erfolg. Weil mindestens ein Abgeordneter oder eine Abgeordnete aus dem fragilen Dreier-Bündnis von SPD, Grünen und Südschleswigschem Wählerverband (SSW) ihr hartnäckig die Stimme verweigerte, endete die Karriere der Ministerpräsidentin jäh.Zu besichtigen ist damit das ungewöhnlich bittere Ende einer ungewöhnlich erfolgreichen Laufbahn. Zwölf Jahre lang war Heide Simonis Ministerpräsidentin – kein andere Frau in Deutschland hat es bislang so weit gebracht. Und nicht einmal sechs Wochen sind vergangen, seit die 61-Jährige im Wahlkampf auf einer Woge der Sympathie durch das Land reiste. Doch spätestens seit dem Wahlabend – die SPD war überraschend hinter der CDU gelandet – zeichnete sich das Ende ab. Vielleicht wird sich Heide Simonis, wenn sie in ein paar Jahren zurückblickt, hierüber am meisten ärgern: Dass sie die Zeichen ignoriert und um jeden Preis versucht hat, ihren Posten und damit Rot-Grün zu retten.Denn Simonis’ Niederlage weist weit über Schleswig-Holstein hinaus. In Kiel ist de facto die vorletzte rot-grüne Landesregierung gescheitert. Und ob der Abweichler aus den eigenen Reihen tatsächlich aus politischem Kalkül oder bloß aus persönlicher Rachsucht gehandelt hat, ist ohne Belang. Die Botschaft ist so oder so deutlich: Wenn SPD und Grüne es nicht einmal mehr schaffen, in einem Bundesland wie Schleswig-Holstein ihre rechnerische Mehrheit zu behaupten, wie sollen die beiden Parteien dann im Bund den Kampf gegen die Arbeitslosigkeit gewinnen? Zur Dramaturgie dieses turbulenten Donnerstags gehört, dass der vierte Wahlgang in Kiel gerade begonnen hatte, als der Bundeskanzler in Berlin Angela Merkel und Edmund Stoiber zum so genannten Jobgipfel empfing. Noch nie schien das Ende von Rot-Grün so nahe wie heute.In Schleswig-Holstein muss die SPD nun abwägen, ob sie Neuwahlen riskiert, in einer großen Koalition den Juniorpartner gibt oder – auch das ist theoretisch möglich – im Landtag noch einmal einen neuen Kandidaten oder eine neue Kandidatin für das Amt des Ministerpräsidenten vorschlägt. Letzteres sollte sie tunlichst unterlassen, wenn sie noch einen Hauch von politischem Anstand wahren will. Da auch Neuwahlen für die Sozialdemokraten derzeit nichts Gutes versprechen, stehen die Zeichen in Schleswig-Holstein seit heute auf einer Großen Koalition. Und auch dieses Zeichen weist möglicherweise weit über Kiel hinaus.