Rom bleibt Rom, wer hätte anderes erwartet? Vor kurzem hat Kardinal Tarcisio Bertone alle Katholiken dazu aufgerufen, den Roman Sakrileg des US-Autors Dan Brown zu boykottieren. Das Buch behauptet, Jesus Christus und Maria Magdalena hätten der Welt einen Sohn hinterlassen. Zum Glück genießt Brown die Gnade der späten Geburt. Vierhundert Jahre früher, und sein Scheiterhaufen hätte gebrannt.

Bei Licht betrachtet, ist der Fall kaum der Rede wert. Katholische Buchhandlungen verkaufen einen Schmöker weniger, und die Amtskirche sichert ihre Lehrmeinung. Nur für unser kirchenkritisches Bewusstsein kommt der Casus wie gerufen. Es darf frohlocken und genießt einen stillen Triumph. Passt der Buchboykott nicht zu gut ins Sündenregister der Kirche? Er passt. Adolf Hitlers Mein Kampf stand nie auf dem römischen Index, und nie wurde sein katholischer Verfasser exkommuniziert.

Es war immer ein Kreuz mit der Kirche, die Frühzeit einmal ausgenommen. Drei Jahrhunderte lang galt das Christentum als großmütige Religion, gleichsam als Inbegriff von Nächstenliebe und Toleranz. Kaum war es zur Staatsreligion aufgestiegen und saß am Tisch der Mächtigen, führte es Krieg gegen Heiden und Häretiker. Später verbrannten die Rechtgläubigen Hexen und töteten aufständische Bauern, alles in Gottes Namen. Diese Perversion hatte Nietzsche vor Augen, als er schrieb, es habe in der Geschichte der Menschheit nur einen einzigen Christen gegeben – und der "starb am Kreuz."

Man muss die Litanei des katholischen Schreckens nicht wiederholen, jeder kennt sie. Aber ihre Beispiele stammen aus einer Zeit, als das Bündnis aus Thron und Altar noch Furcht und Zittern verbreitete. Das ist vorbei. Seit zwei Jahrhunderten durchlebt die katholische Kirche einen grandiosen Verfall ihrer Macht. Heute kann sie einer demokratischen Gesellschaft ihre Wahrheit nicht mehr vorschreiben, geschweige denn sie durchsetzen.

Mag es in frommen Ohren auch zynisch klingen, etwas Besseres kann dem Vatikan gar nicht passieren. Wenn er von der Macht erlöst ist, dann auch von der Verführung, diese Macht zu missbrauchen. Der Klerus bekommt Gelegenheit, Einkehr zu halten und seine Sünden zu beichten. Und tatsächlich: Kein Papst hat glaubwürdiger die Schuld der Kirche benannt als Johannes Paul II., übrigens gegen den Widerstand seiner konservativen Kardinäle.

Dieses Schuldeingeständnis hat dem Papst viel Sympathie eingetragen. Gleichwohl bleibt die katholische Kirche eine unerschöpfliche Quelle scharfer Kritik. Was die Kampagne des Papstes gegen Geburtenkontrolle, Homosexuellenehe und das Priesteramt für Frauen angeht, gewiss zu Recht. Vor allem bei der Aids-Bekämpfung ist sein dogmatischer Starrsinn durch nichts zu rechtfertigen.

Dennnoch: Spricht nicht die halbe Welt von der Wiederkehr der Religion? Das stimmt, aber dahinter steckt oft nur leere Spiritualität, angesiedelt im esoterischen Dunst zwischen Sakrileg und Harry Potter. Für diese Wohlfühl-Mystiker sind katholische Dogmen nichts als Hokuspokus. Fassungslos stehen sie vor dem Gebäude aus Glaubenssätzen und Lehrmeinungen. Über nichts empört sich ihr dogmatischer Relativismus mehr als über Dogmen.

In der Tat handelt es sich bei katholischen Glaubenssätzen nicht um ein locker geknüpftes Gewebe aus Meinungen und Befunden. Sie sind nicht nach den Moden der geistigen Saison gestrickt, sonst wären sie längst von der Weltbühne verschwunden. Weil sie einer inneren Logik folgen, kann man sich nicht nach Belieben das Passende aussuchen, und für Gläubige ist das häufiger Grund für Gewissensnot oder Heuchelei. Sie können den Papst nicht für seinen Kampf gegen die Abtreibung rühmen – und gleichzeitig verschweigen, dass er den Kapitalismus anprangert, in Lateinamerika eine radikale Landreform fordert und gegen Menschenzüchtung, Euthanasie und Todesstrafe die Stimme erhebt.