Kirche Roms wahre GrößeSeite 2/2
Die Gründungswahrheit, auf der die Haltung des Papstes beruht und die noch seine Ablehnung des Irak-Kriegs durchzog, ist über zweitausend Jahre alt und hat jüdische Wurzeln. Es ist der Glaube an die Heiligkeit der Schöpfung. Das Leben der Person steht über aller Politik – und selbst über der Religion. Diese Fundamentalüberzeugung haben Christen mit dogmatischer Klarheit vertreten und viel zu oft mit blutiger Konsequenz missachtet. Christenmenschen, so berichteten die Geschichtsschreiber der ersten Stunde voller Staunen, verweigern das Götzenopfer und den Tribut an die Macht. Sie schützen die Leibesfrucht und verweigern den Dienst mit der Waffe: »Ein Christ tötet nicht.«
Mag das aufgeklärte Bewusstsein dieser Fundamentalüberzeugung noch Respekt entbieten, so wendet es sich bei der Lehre vom Kreuz mit Schaudern ab. In Christi Selbstopfer sieht es nur die bizarre Feier von Schmerz und Erlösung, Blut und Gewalt. Das katholische Christentum, heißt es, sei insgeheim eine archaische Opferreligion geblieben. Je größer das Leid, desto näher der Herr.
Es ist wahr, die Passionsgeschichte ist in diesem Sinn ausgelegt worden, auch von der Kirche selbst, besonders im Mittelalter. Aber wer in der Kreuzestheologie vor allem die Mystik des Leidens sieht, der streift nur die Oberfläche. Er versteht nicht, warum das Selbstopfer Christi vor zweitausend Jahren ein Skandal war, eine symbolische Revolution in der antiken Welt. Es protestierte gegen den Aberglauben, Unrecht und Gewalt gehörten zum menschlichen Schicksal und seien natürliche Bestandteile der Schöpfung. Das Selbstopfer brach mit der Vorstellung, alle Geschichte drehe sich im Kreis und die Rache folge der Tat wie der Abend dem Morgen.
Welchen Einschnitt die Passionsgeschichte bedeutet, hat kaum jemand so eindringlich beschrieben wie der Religionsphilosoph René Girard (siehe das Interview auf Seite 49). Die Lehre vom Kreuz, sagt er, folge weder der archaischen Religion noch dem griechischen Mythos, im Gegenteil: Sie breche mit ihnen. In der mythischen Welt ist alles, was auf der Welt geschieht, immer schon gerechtfertigt, auch die Gewalt. In den Evangelien nicht. Sie verbieten es, Gewalt als Heilmittel einzusetzen, und stellen die unschuldig Leidenden ins Zentrum.
Viele Priester und Bischöfe vor allem in Lateinamerika, Afrika und Asien hoffen, dass die Papstkirche dies zu ihrer Botschaft macht und nicht nur eine Sündenmoral verkündet, sondern eine leidempfindliche Moral. Die Stunde dafür ist gekommen. Heute, so sagen sie, befänden sich Christen in einer Lage, die ihrer Frühzeit vergleichbar sei. Damals besaßen sie keinerlei Macht, nur das Wort. Sie konnten ihre Wahrheit verkünden, ohne auf herrschende Gewalten Rücksicht nehmen zu müssen.
Darin steckt auch die Hoffnung, dass die Kirche sich in eine machtlose Gegenmacht verwandelt. Es wäre eine Kirche, die – in den Worten Johannes Paul II. – einer »willfährigen Angleichung der Kulturen an das Kulturmodell der westlichen Welt« entgegentritt. Schließlich wäre es eine Kirche, die ohne Anmaßung, gleichsam als Lehre aus ihrer eigenen Geschichte, anderen Glaubensrichtungen vorlebt, dass Religion, wie der Papst im Heiligen Land ausrief, »niemals ein Grund für Gewalt sein darf«.
Erst eine solche Kirche wäre wahrhaft universal. Sie teilte die Welt nicht in Freund und Feind und verweigerte sich dem Kampf der Kulturen. Sie wäre katholisch im Ursinn des Wortes, denn übersetzt heißt dies nichts anderes als »allgemein«. So »unterschiedlich die Kulturen« auch sein mögen, so gibt es für diese Kirche nur eine »Grundperspektive«, nämlich den Frieden und die »Einheit des Menschengeschlechts«. Auch das ein Papstwort, das so gar nicht zur machthabenden Realpolitik passen will.
- Datum 23.03.2005 - 13:00 Uhr
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- Quelle (c) DIE ZEIT 23.03.2005 Nr.13
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