»Geschichtsaufarbeitung ist das eine, aber man muss sie nicht übertreiben«, sagt Martin Aug, der neue Bürgermeister von Alt Rehse

Die schmale Kopfsteinpflasterstraße führt in die Idylle. Linden und Fachwerkhäuser mit Reetdächern säumen den Wegesrand. Die Vorgärten schmiegen sich ohne Zäune aneinander. Sanft senkt sich das Land zum Tollensesee hin. Zwischen Dorf und See liegt still der große Park mit dem Schloss. Im Sommer singen die Vögel so laut, dass man sich die Ohren zuhalten mag.

Mehrere Male wollte Wolfgang Köpp schon wegziehen von diesem Ort. Morddrohungen habe er bekommen, sagt er. Öfter. Menschen schreiben ihm anonym: »Was Adolf nicht geschafft hat, machen wir jetzt mit dir.« Seine Frau wurde mit Telefonanrufen terrorisiert. Jahrelange Prozesse, Missgunst, Streit. Die dunkle Geschichte des Dorfes lässt Köpp nicht ruhen. Sie hält auch mehr als 60 Jahre später die Menschen fest in ihrem Griff. Wolfgang Köpp senkt den Kopf, seine Hände fallen schwer auf die Armlehnen des Ledersessels. Doch er bleibt, sitzt in seinem Wohnzimmer und wacht – über die Vergangenheit von Alt Rehse, einer Gemeinde mit 350 Einwohnern, 15 Kilometer vor Neubrandenburg, Mecklenburg-Vorpommern.

Köpps Füße ruhen in braunen Pantoffeln. Er ist 71, sein Kopf kahl, die Augen liegen nah beieinander. Vor ihm steht ein Teller mit Keksen. Seine Frau hat sie selbst gebacken. Köpps Stimme füllt den Raum, nach jedem Satz lässt er eine kurz Pause, als erwarte er Applaus. Er ist es gewohnt, dass man seinen Worten lauscht. Früher war Wolfgang Köpp einmal der Tierarzt von Alt Rehse, heute ist er Jäger, Dorfchronist, Freizeit-Historiker, er sammelt Dokumente, Bilder, Akten und schreibt Bücher. Neun sind es inzwischen, fünf davon bisher unveröffentlicht. Sein wichtigstes Werk handelt jedoch von seinem Dorf und dessen Geschichte.

Von Köpps Haus sind es etwa hundert Meter bis zum Park. Er wird von einem Zaun umgeben, ohne Erlaubnis darf niemand hinein. Dahinter harrt, eingeschlossen wie in einem Bernstein, die Vergangenheit, der Stolz und der Makel des Dorfes zugleich – das, worüber Wolfgang Köpp schreibt, redet, diskutiert und wovon zu hören die meisten anderen Alt Rehser müde sind. In diesem Park stand von 1935 bis etwa Januar 1943 die »Führerschule der deutschen Ärzteschaft«. Medizinhistoriker nennen sie die »Euthanasie-Schule«. An die 20000 deutsche Ärzte wurden hier in der NS-Rassenlehre geschult, in Fächern wie »Erbbiologie und Rassenpflege« und »Rassenpolitische Erziehung«. In Alt Rehse wurde die geistige Grundlage für Zwangssterilisationen, medizinische Versuche an KZ-Häftlingen und »Vernichtung lebensunwerten Lebens« gelegt. Martin Bormann, Leiter von Hitlers Reichskanzlei, hatte im Gutshaus eine Wohnung, Rudolf Heß, Hitlers Stellvertreter, schaute öfter vorbei. Eine Eiche im Park wurde nach Alfred Rosenberg, dem NSDAP-Ideologen benannt, der so gern im Freien dozierte. Auf Fotos aus dieser Zeit hängen Hakenkreuzflaggen von den Fachwerkgiebeln. Der Park gilt als einer der schönsten Mecklenburg-Vorpommerns. Schönheit und Schande eng umschlungen.

Wolfgang Köpp sagt, er habe nie dieses »ungute Gefühl« gehabt, das manche Besucher des Dorfes beschreiben, dieses leichte Schaudern, vielleicht auch Scham. »Häuser und Bäume können nichts für die Geschichte«, sagt er. Köpp streicht mit seinen Händen unruhig über die Armlehnen des Sessels. Tsch, tsch. Auf und ab. Er ist ein pragmatischer Mensch, glaubt nicht an Böses, das sich in Orten festsetzt und nicht vergehen mag. Seine Welt stützt sich auf Bücher, Fakten, Materialien. Im Augenblick ist er nicht besonders gut gelaunt, draußen vor dem Fenster regiert seit Sommer 2004 der andere, der neue Bürgermeister, Martin Aug. Köpp nennt ihn nur den »Dümmerling« ohne Sensibilität für die Vergangenheit. Wolfgang Köpp war selbst bis 2001 sieben Jahre lang Bürgermeister. Im Stillen ist er es noch immer. Nun muss er dabei zusehen, wie der Park verkauft, die Vergangenheit zurückgelassen werden soll, ohne dass er etwas mitentscheiden kann.

Nicht weit von Köpps Wohnzimmer entfernt, schmücken der neue Bürgermeister, Martin Aug, seine zweite Stellvertreterin und seine Frau gerade das Dorfgemeinschaftshaus für eine Seniorenfeier. Die Frauen decken die Tische ein, der Bürgermeister hängt bunte Papierschlangen auf. Augs Wangen sind gerötet, er trägt die blonden Haare kurz und saugt an einer Zigarette. Er ist 33 und nennt Wolfgang Köpp nur den »Herrn Doktor«, als scheuten seine Lippen dessen Namen. Köpp, der Unaussprechliche. Die Grausamkeit kleiner Dörfer: Jeder sieht jeden jeden Tag, Gerüchte blühen und vergehen. Köpp sei der Einzige, der mit seinen Büchern an der Vergangenheit verdiene, heißt es im Dorf. Außerdem hat Aug gehört, dass Köpp versucht habe, seinen Wahlsieg zu verhindern. Bekannten Alkoholikern des Ortes habe er eine »Buddel« geboten, wenn sie gegen ihn stimmen würden. Und im Gasthof habe er einen ausgegeben, der »Herr Doktor«. Alt Rehse ist nun gespalten, gespalten im Streit um die Zukunft des Parks und um die Frage, wie viel Erinnerung nötig ist. Aug will den Park an einen Investor verkaufen, der Arbeitsplätze schafft, alles andere ist ihm ziemlich egal. Er verhandelt mit dem Bundesvermögensamt, dem das Gelände gehört. »Geschichtsaufarbeitung ist das eine, aber man muss sie nicht übertreiben«, sagt er. Seine zweite Stellvertreterin nickt. Am liebsten würde er über die Vergangenheit schweigen. Es soll endlich Ruhe herrschen, keine Störungen der Verkaufsgespräche. »Außerdem ist das Dorf erst durch seine Geschichte so schön geworden«, sagt er. Es wurde in der Nazizeit als Musterdorf aufgebaut.

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